SAISONAUFTAKT: Ein langer Gang voller Jahresringe

Der St. Galler Künstler und Lehrer Fredi Thalmann bestreitet die Eröffnungsausstellung im Alten Bad Pfäfers. Es ist ein langer Spaziergang durch Jahrzehnte seines Kunstschaffens.

Brigitte Schmid-Gugler
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Fredi Thalmann bespielt den 60 Meter langen Ausstellungsraum im Bad Pfäfers mit tänzerischer Eleganz. (Bild: Ralph Ribi)

Fredi Thalmann bespielt den 60 Meter langen Ausstellungsraum im Bad Pfäfers mit tänzerischer Eleganz. (Bild: Ralph Ribi)

Warm ums Herz wird’s einem schon auf der Fahrt hinauf ins noch beschattete Tal. Fredi Thalmann schaut immer wieder mal aus dem Fenster. Blauer Himmel, weisse Bergspitzen – «dort oben waren wir ein paar Mal» – er meint mit «wir» immer sich selber, die zwei Kinder und Heidi, seine Frau, mit der er seit 1965 verheiratet ist. Man kommt mit ihm vom Hundertsten ins Tausendste. Er tanzte so gern. Aber jetzt, auch bei den Wanderungen und beim Skifahren, geht ihm manchmal der Atem etwas gar schnell. Und die Jagd: Seine Bleistiftzeichnung, betitelt mit «Aserfeuer», hängt nicht prominent. Aber sie ist auszumachen in dem 60 Meter langen und vier Meter breiten Ausstellungsraum im Alten Bad Pfäfers. Und sie sagt viel aus über den so vielseitig begabten und interessierten Kunstschaffenden Fredi Thalmann. Geboren um Pfingsten herum vor 78 Jahren. Zuletzt in die Schlagzeilen geraten wegen der geplanten und zum Glück dann doch nicht ausgeführten Schleifung seines grössten Werks im öffentlichen Raum, einer über zehn Meter hohen Sichtbetonskulptur bei der ETH in Zürich.

Das ganze Leben ein künstlerisches Schauen

Es ist eines von rund 70 Auftragswerken, die Thalmann schuf. Er hatte, als eines von zehn Kindern, erst eine Ausbildung als Steinbildhauer absolviert, verbrachte mehrere Jahre mit Stipendien im Ausland, gründete, zurück in der Schweiz, eine Familie und ist längst vierfacher Grossvater. Und es gelang ihm, wovon auch heute noch viele Kunstschaffende träumen: Er konnte von seiner Kunst leben. Leben – das hiess und heisst für Fredi Thalmann, ganz nahe dranzubleiben am aktuel­len Geschehen, an Begegnungen, am Diskurs, an szenischen Darstellungen – auf Märkten, privaten Festen und immer wieder auch am «Kreuz», seinem Hauptthema. Das Symbol lässt sich in den im Bad Pfäfers um die einhundert versammelten Skulpturen und Objekten aus unterschiedlichen Schaffensphasen wiederholt ausmachen. Niemals als Beschwörung – Fredi Thalmann bezeichnet sich als Christen im interreligiösen Sinn mit einer grossen Dankbarkeit der Existenz und deren brüchigen Rändern gegenüber. In seinem «Aserfeuer» sitzen Menschen eng beieinander im Kreis. Die Schatten der Nacht, das Feuer , in der Zeichnung als helle, ausgesparte Mitte erkennbar, vermitteln eine magische, stark körperliche Gegenwart. Ein vertikaler bleifarben-harter Strich wie nach etwas Getanem; ein chorisches Summen; gehäutet, leblos und doch pulsierend.

Immer nahe am unmittelbaren Geschehen

Das hat einer gemacht, der weiss, wie Ausweiden geht. Es gilt auch für seine Skulpturen aus Birnen- und anderen Hölzern. Fredi Thalmann weiss zu jeder seiner Arbeiten eine Geschichte zu erzählen. Wie er den Stamm fand. Wie er daran ging, ihn zu behauen. Manche seiner hier versammelten Werke sind Modelle für später verwirklichte Kunst-am-Bau-Projekte im Auftrag der öffentlichen Hand oder für Firmen, im Original jeweils um ein Vielfaches grösser gebaut.

Als Einheit präsentiert sich in dem ältesten Barockbad der Schweiz die Konsequenz seiner Handschrift. Über den langen Ausstellungsraum sind Werke aus Bronze, Stein, Terracotta, Holz und auf Papier – als Zeichnungen und Lithografien – zu sehen. Und in diesem klösterlich anmutendem Gang redet einem die Unbedingtheit des künstlerischen Ausdrucks das Wort. Wagemutige Stills in bildnerischen Debatten wie «Zweisamkeit» und «Trinitas», eine Schleifkante, die durch die Wölbung von innen an den Aussenrand fliegt, wie eine unerwartete Wendung, wie alles, was Schöpfung meint.

Brigitte Schmid-Gugler

Bis 25. Juni. Postauto ab Bad Ragaz. www.altes-bad-pfaefers.ch

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