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Gounods Oper "Faust" in St. Gallen:
Sag mir, wo die Blumen sind

Krieg und Verführung zertrümmern das Dorfidyll in Ben Baurs Inszenierung der Oper «Faust» am Theater St.Gallen.
Bettina Kugler
Faust (Arthur Espiritu) zaudert noch, Méphistophélès (Tadas Girininkas) weiss, wie er Marguerite erobern kann. Bilder: Iko Freese

Faust (Arthur Espiritu) zaudert noch, Méphistophélès (Tadas Girininkas) weiss, wie er Marguerite erobern kann. Bilder: Iko Freese

Das Wunder hält sich unsichtbar im Orchestergraben verborgen. Es scheut das Rampenlicht – als passe es nicht in die schlichte Idylle von Dorf und Kirche, in der Regisseur Ben Baur seine «Faust»-Inszenierung ansiedelt, zur Zeit des Ersten Weltkriegs, zwischen Frankreich und Deutschland. Wenn Faust das Mädchen Marguerite in dieser kleinen (und engen) heilen Welt erstmals erblickt und «un miracle» seufzt, gaukelt ihm Gounods Musik klanglich betörend und zuckersüss eine Art Kitschmadonna vom Trödler vor. Doch auf der Bühne zu sehen ist eine ziemlich irdische, bodenständige Frau; zupackend räumt sie auf, stellt Stühle übereinander.

Beabsichtigte Reibung zwischen Bild und Musik

Des öfteren während der knapp dreistündigen, von Goethes Tragödie inspirierten Oper, melodienselig, lyrisch blühend und dramatisch dicht, wird die Regie die Partitur sanft gegen den Strich bürsten – manchmal auch etwas drastischer ironisch. Etwa, wenn die Männer aus dem Krieg heimkehren: ein Chor der Versehrten, Erblindeten und Hinkenden, der Ehre, Ruhm und ein siegreiches Vaterland herbeifantasiert. Der Krieg wird an Ben Baurs Bühne, die Mariella von Vequel-Westernach stets atmosphärisch ausleuchtet, Blut und Spuren der Zerstörung hinterlassen.

Wo noch im zweiten Akt mit Erntewagen und üppigem Dekor aus Sonnenblumen Kirchweih gefeiert wird, mit Tanz und in schmucken Trachten (Choreografie: Robina Steyer, Kostüme: Uta Meenen), steht später allerlei in die Kirche gerettetes Gerümpel herum; die Fenster sind mit Brettern vernagelt. Ein Zufluchtsort für die Bedrängten und Gestrauchelten ist die Kirche jedenfalls nicht, so fromm und ergreifend Gounod, der ja versierter Kirchenmusiker und -komponist war, seine Figuren und das Volk auch beten lässt in «Faust». In diesem Punkt gibt es bei Ben Baur und Michael Balke am Pult des Sinfonieorchesters St.Gallen gewollte Reibungspunkte, so wie in der erwähnten «Miracle»-Szene. Die Blumen jedenfalls sind bald verwelkt.

Noch ist das Dorf eine heile, idyllische Welt -im zweiten Akt wird Kirchweih gefeiert und vergnügt getanzt.

Noch ist das Dorf eine heile, idyllische Welt -im zweiten Akt wird Kirchweih gefeiert und vergnügt getanzt.

Es mischt sich eine Spur Bigotterie in die Frömmigkeit der einfachen Leute; sie ist von ­Anfang an spürbar, wenn auch nicht plakativ ausgewalzt. Zwei reine Seelen sind davon ausgenommen: Marguerite und ihr jugendlicher Verehrer Siebel, den Jennifer Panara stimmschön, in eleganter Leichtigkeit und Herzenswärme zu einer Schlüsselrolle macht. Von faulem Zauber hält Ben Baur ebenso wenig wie er an Wunder glaubt, mag das Personal der Oper noch so oft und inbrünstig die Hände falten. Die Inszenierung bleibt realistisch: kein Spuk, kein Trugbild, keine rauschhafte Walpurgisnacht, auch keine magische Verjüngung Fausts.

Arthur Espiritu in der Titelrolle hat sie keineswegs nötig. Er ist ein Zweifler, ein unruhiger, zaghafter Geist und wird es als Liebhaber Marguerites bleiben – immerhin mit zartem Schmelz und unforciertem hohen C in der Kavatine «Salut! Demeure chaste et pure». Ein alter Knacker ist er jedoch nicht, so wenig wie Tadas Girinkas als Méphistophélès ein höllischer Blender. Der Gast aus Litauen gibt dem Bösen reichlich Schwärze, nicht nur im teuflischen Gelächter. Er ist mehr Veteran als Satan; sein verkrüppeltes Bein nimmt vorweg, was er den Dörflern an Unheil und Blessuren prophezeit. Ebenso reizt er das komische Potenzial seiner Figur aus, manchmal zu weidlich: Ab und zu hinkt das Tempo.

Eine Oper voller Paraderollen

Natürlichkeit, Gefühlstiefe und anrührende Naivität legt Sophie Brommer in die Partie der Marguerite. Wie Faust, Mephisto und Valentin ist es eine Paraderolle, die sie mit Leben füllt, musikalisch souverän und differenziert gestaltet: ob im scheuen Duett mit Faust, in Sehnsucht und Wahnsinn oder in der Lust, mit der sie den unbefangen zuhörenden Kindern der Statisterie (für die Robina Steyer auch eine herzige Tanzszene choreografiert hat) vom «König in Thule» vorsingt. Shea Owens kann als Valentin viele Facetten seines geschmeidigen Baritons ­zeigen; Samuli Taskinen und Taisiya Labetskaya ergänzen das insgesamt starke Ensemble.

Tragend aber sind auch der Chor und insbesondere das ­Orchester, das Gounod mit viel Gespür für dramatische Effekte und Direktangriffe auf die Seele einsetzt – deren Hang zu Sentimentalität eingerechnet. Unter Michael Balkes Leitung gelingt das so geschmackvoll wie gekonnt: so fesselnd, als wisse man nicht von Anfang an, welchen Lauf die Tragödie nimmt.

Nächste Vorstellungen: 31.10., 19.30 Uhr, 3.11., 17 Uhr, 12.11., 19.30 Uhr, Theater St.Gallen.

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