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SÄNGERIN: «Gott spielt eine grosse Rolle»

Als Idol der Neuen Deutschen Welle wurde Nena weltbekannt. Jetzt feiert die alterslos wirkende dreifache Grossmutter ihr 40-Jahr-Bühnenjubiläum mit einer grossen Tournee.
Olaf Neumann
«Ich bekomme klare Ansagen aus dem Universum»: Sängerin Nena. (Bild: Jens-Ulrich Koch/DPA)

«Ich bekomme klare Ansagen aus dem Universum»: Sängerin Nena. (Bild: Jens-Ulrich Koch/DPA)

Interview: Olaf Neumann

Sie ist nicht nur ganz in Schwarz gekleidet, sie hat auch ihre Fingernägel dunkel lackiert. Eine grosse Hornbrille und dick aufgetragener Kajal lassen die 57-jährige Popsirene noch wacher aussehen. Die als Gabriele Susanne Kerner geborene Sängerin spricht in ihrem Lieblingscafé an einem See bei Hamburg über ihren Glauben – und warum sie immer noch gern auf der Bühne steht.

Nena, Ihre Jubiläumstournee unter dem Motto «Nichts versäumt» ist Ihre längste Konzertreise seit 2010. Was treibt Sie nach 40 Jahren auf der Bühne noch an?

Tourneeleben ist für mich meistens bunt, aufregend und schön. Immer noch ist jedes Konzert neu und anders. Es ist herrlich, mit den Leuten, die in unsere Konzerte kommen, im direkten Austausch zu sein. Was mich auch immer wieder fasziniert, ist, dass man in den letzten Minuten vor einem Auftritt nicht einfach aussteigen kann. Man kann sich nur noch voll auf das Abenteuer einlassen, ohne zu wissen, was genau passieren wird.

Wie sind Sie unterwegs?

Wir sind jetzt wieder Rock-’n’-Roll-mässig mit dem Nightliner unterwegs und kommen immer frühmorgens an der Halle an. Dann wird da erst mal geduscht. Meistens erlaufe ich mir die Natur ringsherum, wenn es welche gibt. Manchmal lasse ich mich auch in irgendeinen Wald fahren. Hauptsache, ich bin einmal am Tag so richtig draussen.

Sind Sie eine strenge Chefin?

Das kommt drauf an. Wenn es um das Konzert geht und alles, was dafür wichtig ist, bin ich super streng. Aber auf eine Art, dass man es streng genommen locker sieht. (lacht) Es muss natürlich schon professionell laufen. Ich gehe aber nicht mit der Haltung auf die Bühne: «Ich habe jetzt 40 Jahre auf dem Buckel und weiss, wie es geht.» Sondern eher mit einem Amateurfeeling, gemixt mit einem ordentlichen Schuss meiner langjährigen Live-Erfahrung. Damit schaffe ich mir Raum für Spontanität und Unvorhergesehenes.

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren Songs?

Ein Song wie «99 Luftballons» ist auch ein Wesen. Es wird für mich nach wie vor keine Show ohne ihn geben. Die Kunst ist, diesem und anderen Songs, die mich schon so lange begleiten, den Raum zu geben, sich auch weiterzuentwickeln.

Hatten Sie als Kind in Ihrer Familie ein leuchtendes Bei­- spiel, was die Musik betrifft?

Mein Vater interessierte sich sehr für Musik. Er war Studiendirektor an einem Jungengymnasium und unterrichtete Latein, Biologie, Altgriechisch und Sport. In seinen Abiturklassen setzte er sich zur Beruhigung aller oft ans Klavier und klimperte ein bisschen darauf rum. Er hatte grosses Verständnis für meine Musikleidenschaft. Mit sechs schenkte er mir ein Akkordeon, zwei Jahre später lag eine Akustikgitarre unterm Tannenbaum. Irgendwann brachte er sogar ein Klavier mit nach Hause. Mit meinen eigenen Kindern hab ich’s genauso gehalten.

Wie gehen Sie heute mit Ihren erwachsenen Kindern um?

Ich habe durch die Bank sehr temperamentvolle Kinder. Und ich bin auch nicht gerade der ruhige Typ. (lacht) Meine Kinder sind genauso direkt wie ich. Wenn wir uns streiten, geht richtig die Post ab. Meistens ist nach einer halben Stunde aber alles wieder im Lot.

Bei vielen Künstlern, die früh starten, ist das Erwachsenwerden die schwierigste Phase. Wie sind Sie mit dem frühen Erfolg klargekommen?

Ich war 17, als ich meine erste Band gründete, und von da an hab ich praktisch im Proberaum gewohnt. Wenig später standen wir als Band mit unserem allerersten Livekonzert auf der Bühne. Noch bevor wir gross darü-ber nachdenken konnten, standen plötzlich ein paar A&R- Jungs vor der Tür und wollten uns unbedingt einen Plattenvertrag aufschwatzen. Es hatte ihnen gereicht, uns einmal live zu sehen. Sie wollten es unbedingt, und wir wollten es auch. Jugendlicher Leichtsinn war für mich immer ausschliesslich positiv besetzt. Und diese Kraft führt mich auch heute noch in tolle Abenteuer.

Was haben Sie sich damals als erstes geleistet?

Von dem Geld kauften wir uns eine erste eigene PA und einen alten Bus. Da passte alles rein: mein Hund, die Instrumente, die PA, ein paar Taschen und die komplette Band natürlich. So sind wir erst mal ein Jahr lang an jedem Wochenende durch Deutschland getourt. Angebote gab es genug, ausgelassen haben wir nichts. Während dieser Zeit waren wir auch im legendären Hotline-Studio in Frankfurt und haben unser erstes The-Stripes-Album aufgenommen. Von dort aus ging’s für mich wenig später direkt nach Berlin, und ich gründete die Nena-Band. Unser Durchbruch war der TV-Auftritt im Musikladen 1982. «Nur Geträumt» verkaufte sich gleich am nächsten Tag 40 000-mal. Und von da an waren wir erst mal die Mega-Stars. Wenn man Schritt für Schritt auf etwas hinarbeitet, woran man glaubt, kommt man mit einem solch immensen Erfolg superklar. Es war die grosse Freude für uns alle. Und es sollte ja auch nicht so schnell wieder aufhören.

Woran denken Sie, wenn Sie auf der Bühne stehen?

An nichts. Würde ich während einer Show anfangen zu denken, wüsste ich, ich bin nicht wirklich drin. Die genialsten Dinge passieren, wenn man nicht denkt. Sportler, die gerade einen Rekord aufstellen, reflektieren in dem Augenblick mit Sicherheit nicht. Der Flow ist für mich der schönste Zustand. Man handelt rein intuitiv, und Dinge kommen wie ein Blitz zu einem.

Kommt alle Musik aus einer höheren Sphäre?

Lieder wie «In meinem Leben», «Wunder gescheh’n», «Leuchtturm» und viele andere, die ich geschrieben habe, sind zu mir gekommen. Da hatten die höheren Sphären auf jeden Fall auch ihre Finger mit im Spiel.

Welche Rolle spielt Gott in Ihrem Leben?

Für mich spielt ein Herr Gott eine grosse Rolle. Ich bekomme definitiv klare Ansagen aus dem Universum. Diese setze ich um in meiner Musik und in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Manchmal kriege ich auch für andere eine klare Ansage. Das nennt man einen guten Rat. Das ist Intuition und weit weg von kompliziertem Denken.

Ist Gott eher männlich oder eher weiblich?

Es gefällt mir, in Gott das männliche Prinzip zu sehen. Es funktioniert aber nie ohne das Weibliche. Es ist wie eine Einheit.

Nichts-versäumt-Tour

Nena singt am 11.5. im Volkshaus Zürich.

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