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Lucerne Festival: Russische Seelen auf dem Prüfstand

Die Sinfonieorchester bringen einen Hauch von Sommer ans Osterfestival: Einen Tag nach den Russen setzte die Filarmonica della Scala unter Riccardo Chailly russische Highlights aufs Programm – mit unterschiedlichem Resultat.
Urs Mattenberger

Führt die Internationalisierung des Klassikbetriebs dazu, dass Sinfonieorchester ihre womöglich nationalen Eigenarten verlieren und sich im Klang immer mehr angleichen? Ein Gegenbeispiel zur oft gehörten Klage bot der Auftritt der Filarmonica della Scala unter Riccardo Chailly am Donnerstag im Konzertsaal des KKL.

Allerdings erfolgte dieses Gegenbeispiel – im Vergleich zum Vortag – auf höchst paradoxe Weise. Denn am Mittwoch hatten russische Kräfte unter Teodor Currentzis das Werk eines Italieners – Verdis Requiem – aufgeführt. Am Donnerstag spielten die Italiener ein Programm, das ausdrücklich der «russischen Seele» gewidmet war.

Auch interpretatorisch prallten da Orchesteridentitäten aufeinander. Currentzis hatte das Requiem mit seinem MusicAeterna-Orchester und -Chor auf eine Weise aufgeführt, wie man es von russischen Kräften gerade nicht erwartet: Statt mit schweren Stimmen und voluminösem Orchestersound wurde in Grossbesetzung mit feiner und scharfer Klinge musiziert. Im Grunde löste das den Kammermusik-­Anspruch ein, den einst Claudio Abbado für das Lucerne Festival Orchestra formulierte.

Gängige Klischees bedient

Dass er diesen Anspruch weiterführen will, hat Riccardo Chailly als Chefdirigent des Lucerne Festival Orchester schon mehrfach – und auch mit Tschaikowsky – bewiesen. Umso erstaunlicher war, dass er jetzt mit dem Orchester der Scala, deren musikalischer Direktor er ist, einen ganz anderen Weg ging. Das galt namentlich für das Werk vor der Pause. Denn Tschaikowkys erstes Klavierkonzert mit dem Pianisten Denis Matsuev bediente da faustdick gängige Klischees von russischer Seele.

Der mit breitem Pinsel aufgetragene Klang namentlich der Streicher stand exemplarisch für ein Gefühlspathos, das schwer auf dem ganzen Werk lastete und auch durch das hochvirtuose Spiel des Solisten nicht aufgelockert wurde. Im Gegenteil: Denis Matsuev bestätigte sich als der Titan unter den russischen Virtuosen und reizte den Solopart vor allem nach der sportlichen Seite hin mit harter Pranke aus.

Der Konzertsaal als archaisches Märchenschloss

Vielleicht lag es an der Konstellation, dass sich hier Orchester und Pianist gewissermassen gegenseitig unter Druck setzten. Wie das Scala-Orchester klingt, wenn es sich nicht gegen einen solchen Solisten behaupten muss, zeigten Modest Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung». Auch hier hinterliessen die Streicher zwar einen allzu flächigen und – in den rumorenden «Gnomus»-Bässen – verwischten Eindruck.

Aber einerseits fanden sie in Ravels kongenialer Instrumentierung zu wunderbarer impressionistischer Leuchtkraft. Anderseits agierten die Bläsergruppen mit einer unglaublichen Geschmeidigkeit, Deutlichkeit und Raffinesse. Chailly nutzte sie für zugespitzte Farbwerte und Reibungsflächen, wie man sie von zeitgenössischer Musik kennt. Und wo sich beides miteinander durchsichtig verband, seidig-schimmernde Qualitäten der Streicher und die intensiven Gespensterfarben der Bläser, hörte man das Alte Schloss oder die Katakomben als Traumbilder eines märchenhaft-archaischen musikalischen Symbolismus. Auch wenn der karikierende Witz etwas zu kurz kam: Im dunklen, von ätzenden Trompeten kontrapunktierten Klangstrom von «Goldenberg und Schmuyle» lebte sie förmlich ­ auf – die russische Seele jenseits aller Klischees.

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