RUSSISCHE LITERATUR: «Ich schreibe keine Literatur, ich beschreibe das Leben»

In diesem Winter, in dem sich die Februarrevolution zum 100. Mal jährt, sind Autoren wiederzuentdecken, mit denen man sich einfühlsam ins russische 20. Jahrhundert einlesen kann: Michail Ossorgin, Andrej Platonow und Olga Slawnikowa.

Erika Achermann
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Um Russland zu verstehen, muss man dessen Literatur lesen. Sie gehört mit Puschkin, Tolstoi, Dostojewski, Gogol, Tschechow zu den reichsten der Welt. Ihre Nachfolger haben es nicht leicht, diese literarische Höhe zu erreichen. So vermutet man und darf doch feststellen, dass auch in der neueren Zeit grossartige Lite­ratur in Russland und im Exil ­entstanden ist und erst kürzlich wiederentdeckt wurde.

Da ist Michail Ossorgin, der mit grosser Gelassenheit das alte Russland untergehen lässt. «Ich schreibe keine Literatur, ich beschreibe das Leben», notiert er im französischen Exil. Ossorgin wurde von den Revolutionen 1905 und 1917 geprägt. Lenin persönlich hat ihn 1922 endgültig aus der Sowjetunion verbannt. Im Epos «Eine Strasse in Moskau» blickt der hervorragende Stilist aus dem französischen Exil auf Moskau zurück, in dem die «alte Knechtschaft» im Zarenreich gegen jene der Bolschewisten eingetauscht wurde. In «Zeugen der Zeit» erfahren wir, wie eine russische Terroristenzelle sich organisiert, was sie denkt, wie sie handelt – ein Gruppenporträt von seltener Genauigkeit.

Wie weit ist Gewalt als Mittel der Politik akzeptabel?

Ossorgin hat diesen historischen Stoff nicht als Zuschauer verarbeitet, sondern als literarische, aber auch autobiografische Reflexion über seine Beteiligung an den politischen Aktivitäten als Sozialrevolutionär. Sie stellt die Frage, wie weit Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung zu akzeptieren ist. Er tut dies durch die Figuren der Terroristin Natascha und des Wandermönchs Jakow. Dieser ruhelose Pope ohne Kirchgemeinde wird zum Zeugen des Jahrhunderts, wie Ossorgin selber es auch ist. Vater Jakow wandert durch die Städte und Dörfer Russlands. Eine wunderbare Gestalt. Er hat Russland nie verlassen.

Ein anderer Zeuge des Jahrhunderts ist der Schriftsteller Andrej Platonow (1899–1951), der als Kind armer Bauern grosse Hoffnungen in den Systemwechsel gesetzt hatte. Trotz Desillusionierung – sein 14-jähriger Sohn wurde ins Lager geschickt – und Schreibverbot durch Stalin harrt er in der Sowjetunion aus. Sein Werk wurde erst spät im Westen wahrgenommen, obwohl es der Nobelpreisträger Joseph Brodsky mit jenen von Kafka, Joyce und Beckett verglich. Wie diese erzählt Platonow von der unendlichen Einsamkeit des Einzelnen. Der Roman «Die Baugrube» spielt in der endlosen Ebene Russlands, Bauarbeiter graben eine Grube für das «gemeinproletarische Haus», das Fundament des Kommunismus, mit Schaufel, Brecheisen, mit der Hand. Sie schlafen einer neben dem anderen im Freien, frieren, schwitzen, hungern, sterben. Es ist die Darstellung eines Phantoms, des Turms von Babel und ein kluges, furchtbares Buch über Totalitarismus und Utopie.

«Ein niederschmetterndes Bild der Wirklichkeit», sagte Michail Gorbatschow nach seiner Lektüre der «Baugrube». Erstaunlich ist, dass es in diesem Roman nicht um Fragen von Gerechtigkeit und Freiheit geht, sondern um jene des Glücks, des Glücks des Einzelnen in einem System, das die Kollektivierung propagiert. Die Sprache, in der es geschrieben ist, nimmt die Slogans der Bürokraten auf. Man muss sich geduldig in sie einlesen, bis sie ihren unheimlichen Sog entfaltet. Die Anmerkungen der Übersetzerin Gabriele Leupold helfen beim Verstehen. Empfehlenswert ist auch Hans Günthers Werkbiografie zu Andrej Platonow, die bei Suhrkamp erschienen ist.

Die Welt von 2017 als bissige Satire auf den Kapitalismus

Wie sich Freiheit anfühlt nach dem Untergang der Sowjetunion, in der die Menschen noch keine neue Orientierung gefunden haben, zeigt uns faszinierend der bissig satirische Roman «2017», den die 60-jährige Olga Slawnikowa vor zehn Jahren geschrieben hat. Die Autorin hält durch groteske Szenarien dem heutigen Russland den Spiegel vor. Es ist ein hochpolitischer Roman, in dem ebenfalls die Suche nach Glück im Mittelpunkt steht. Im neukapitalistischen Russland heissen die Verlockungen: Geld, Edelsteine, schöne junge Frauen. Auch die Hauptfigur Krylow, ein Diamantenschleifer, kann nicht widerstehen. Er ist verheiratet, hat eine Geliebte namens Tatjana, in der Weite des Nordens sucht er Rubine.

Olga Slawnikowas Naturbeschreibungen sind atemberaubend. Die Machenschaften der korrupten «Eliten» ebenfalls. Am Tag der Jubelfeier der Oktoberrevolution 2017 in Moskau treten wieder die Weissen und die Roten gegeneinander an. Terror­akte verstören die Menschen. Tatjana, die aus korrupten Geschäften ein Vermögen erbt, fliegt damit in die Schweiz. Krylow und Fajed, der alte Tatare, steigen in einen Zug. «Niemand war am Bahnhof, um sie zu verabschieden.» Die Zukunft ist offen.

 

Erika Achermann

focus@tagblatt.ch