RUSSISCHE GESCHICHTE: Prunk, Dekadenz und Grausamkeit

Von 1613 bis zur Revolution 1917 herrschten die Romanows über das Russische Reich. Glanz und Untergang dieser Zarendynastie beschreibt der preisgekrönte Historiker Simon Sebag Montefiore exzellent.

Erika Achermann
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Erika Achermann

focus@tagblatt.ch

«Es war schwer, Zar zu sein. Russland lässt sich nicht leicht ­regieren», beginnt Simon Sebag Montefiore seufzend seine Saga der Familie der Romanows, die 300 Jahre lang das russische Reich beherrschte. Macht, Prunk, Dekadenz und unglaubliche Grausamkeit prägen die Zeit der Romanows. Zarenmord war nicht ungewöhnlich. Denn um in Russland über Jahre erfolgreich zu herrschen, brauchte es politisches Geschick. Dies zeigt dieses üppige Gemälde, das der britische Historiker Montefiore von den Romanows zeichnet.

Giftmorde und sexuelle Exzesse

Nur zwei hatten dieses politische Genie: die «Grossen» Peter und Katharina. Peter I. regierte von 1682 bis 1725. Dieser tyrannischste der Romanows hatte begriffen, dass die Autokratie ständiges Kontrollieren und Drohen erfordert. Peter war der erste Zar, der im Westen neue Impulse suchte für die Reform seines Riesenreichs aus Adel und Bauern. Das hinderte den Hyperaktiven jedoch nicht, zugleich als Spezialist für Enthauptungen zu wirken und Widersacher den grausamsten Folterungen auszuliefern, selbst seinen Sohn und seine Geliebten.Montefiore zählt sie getreulich auf. St. Petersburg, die Stadt, die seinen Namen tragen wird und als Gegenentwurf zu Moskau gedacht war, ist auf Sklavenarbeit gebaut.

Das goldene Zeitalter der Romanows ist jedoch jenes von Katharina II, die von 1762 bis 1796 herrschte. Die als deutsche Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst geborene Katharina war mit dem russischen Thronanwärter verheiratet worden, den sie entfernen liess. Sie war gebildet, korrespondierte mit den Aufklärern Voltaire und Denis Diderot. Montefiore hat bereits vor einigen Jahren eine grossartige Biografie von Katharina der Grossen vorgelegt; diese Kapitel sind auch in dieser Romanow-Geschichte die stärksten. Es treten darin neben Katharina auf: Prinz Grigori Orlow, Fürst Grigori Potemkin, Höflinge, Minister, Admiräle, Oberhofmeister, Gräfinnen, Mätressen, Hofdamen und weitere Mitwirkende im Spiel Europas.

Nach Orlow und Potemkin hatte die Zarin zahlreiche jüngere Liebhaber; mit ihnen hat sie die griechischen Klassiker und Voltaire gelesen. Während ihrer Regierungszeit wurde Russland ans Schwarze Meer erweitert, die Krim von den Tataren erobert und jedermann erinnert sich an die Potemkinsche Treppe in Odessa!

Im russischen Volk bleibt Zarengläubigkeit bestehen

Die Biografie dieser Dynastie liest sich wie ein weitschweifiger russischer Roman. Man lernt dabei, wie man Intrigen spinnt, sich verbrüdert und verschwestert und zu Tode lästert. Sie liest sich leicht und der Genuss liegt in den Charakterstudien über die zerstörerische Wirkung absoluter Macht auf die Persönlichkeit. Man vermisst nur die ausführlichere Darstellung des politischen Umfelds, in dem die Russen handelten. Die Romanows besiegten Napoleon 1812, dehnten ihr Reich bis in den Kaukasus und in den fernen Osten aus. Doch Ende des 19. Jahrhunderts waren sie kraftlos geworden, die Bolschewiken vermochten sie 1917 zu bezwingen.

Die letzten Romanows starben im Kugelhagel in Jekaterinburg. Im russischen Volk jedoch blieb die Zarengläubigkeit ungebrochen.

Die Bolschewiki haben die Zarenfamilie ermordet, aber sie haben danach mit denselben autokratischen Methoden geherrscht. Die Leibeigenschaft wurde als Kolchose wieder eingeführt, Stalin war grausamer als die Romanows. Bis heute ist in Russland «der Nachhall der ­Vergangenheit zu vernehmen», konstatiert Montefiore. Der alte Bund von Zar, Bürokratie und orthodoxer Kirche ist wieder am Ruder. Wer die Geschichte kennt, der kann die Gegenwart besser erkennen, zeigt die Lektüre dieses Monumentalwerks.