Runter vom Wickeltisch, rein in die Oper: Wie es ist, sein Baby an kulturelle Anlässe mitzunehmen 

Bei der Erschliessung neuer Zielgruppen kennen Kulturinstitutionen keine Grenzen. Babys besuchen heute Opern, Kinos, Kunstmuseen und Konzerte. Unsere Autorin hat getestet, was ihr acht Monate alter Nachwuchs davon hält.

Julia Stephan
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Aufgepasst! Babys und Kleinkinder in der Oper «Murmeli» des Theaters Basel.

Aufgepasst! Babys und Kleinkinder in der Oper «Murmeli» des Theaters Basel.

Bild: Kim Culetto

Nach eineinhalb Stunden Anreise die Ernüchterung: Mein Baby schläft. Eine Socke ist weg. Und auch unter olfaktorischen Gesichtspunkten fällt dieser acht Monate alte Mensch für den Besuch eines Kulturanlasses durch.

Ich parke meinen Kinderwagen trotzdem im Foyer des Theaters Basel zwischen zwanzig weiteren Karossen. Ein Pfeil weist zum Wickeltisch. Auf dem Programm steht «Murmeli», eine halbstündige Oper für Babys zwischen 0 zu 2 Jahren. Entwickelt hat sie die Theaterpädagogin Ania Michaelis. Die Produktion des Theaters Basel tourt weltweit, von der Elbphilharmonie Hamburg bis nach Japan. Und sie verzichtet im Programmbeschrieb auf die üblichen gesellschaftlichen Diskursschleifen, die man sich als volljährige Theatergängerin gewohnt ist. Versprechen tut sie: Einfachheit und atmosphärische Naturerlebnisse wie «summende Bergwiesen», «windige Gipfel» und «stille Täler».

Pränatale Kulturbildung: Mozart im Uterus

Das 2017 am Theater Basel entwickelte Format passt in eine Zeit, in der kulturelle Teilhabe ein Modebegriff ist. Neue Zielgruppen sollen mit niederschwelligen Angeboten ermutigt werden, am kulturellen Leben teilzunehmen. Babys aus bildungsstarken Haushalten wären da ein wertvoller Hinzuwachs, entwickeln manche von ihnen ihre kulturelle Identität doch schon im Uterus, wo man ihnen pränatale Kulturbildung mit Mozartberieselung angedeihen lässt.

Sitze ich mit solchen Mozart-Eltern jetzt in einem Raum, frage ich mich und mustere verstohlen die Runde. Manche Eltern haben sich ihren Nachwuchs in dem mit Filz ausgelegten Raum auf den Schoss gesetzt, als handle es sich um ein Konzert mit Bestuhlung. Einigen ist offensichtlich unwohl, weil ihr Baby sich die Seele aus dem Leib schreit. Als Theater- und Konzertbesucher hat man nun mal die Anstandsregeln dieser Institutionen verinnerlicht.

Während sich die ersten Babys Speichelfäden ziehend auf das Spielangebot in der Mitte des Raumes stürzen, straft meines den Anlass mit Desinteresse. Es dreht und wendet die Eintrittskarte und zerlegt sie in seine Bestandteile, während die Sänger reckend und streckend archaische Urlaute von sich geben. Mein Baby könnte jetzt mit silbernen Steinen oder Kunstgras spielen. Doch die breite Palette an Inspiration, die ihm geboten wird, tritt es mit Strampelfüssen. Ich lerne meine erste Lektion: Babys sind anarchische Kulturkonsumenten. Eine anspruchsvolle und unberechenbare Zielgruppe. Eine, die schamlos in Konzertsäle und auf Bühnenbretter kotzt. Die gegen Millionen versicherte Kunstwerke von Podesten reisst. Die sich an keine Konventionen hält.

Ein Gefühl für höfliche Distanz besitzen diese Wesen nicht. Als die Sänger in Wasserkessel steigen, beginnt mein Baby an einer nackten Sängerwade zu kratzen. Ich unterdrücke meinen Impuls einzuschreiten. Entsteht Kreativität nicht in einem von moralischen Leitplanken freigeräumten Raum, denke ich. Und hoffe, dass dieses geschlechtslose Wesen vom Vorwurf sexueller Belästigung noch befreit ist.

Mit Babytrage durchs Kunstmuseum

Ein Angebot wie «Murmeli» hat in der Schweiz viele Geschwister: Rundgänge mit Babytrage durch Kunstsammlungen wie am Kunstmuseum Basel, das Format «Baby-Konzerte» oder die «Nuggi-Konzerte» des Zürcher Kammerorchesters. Der Kinobetreiber ­Pathé bietet mit dem «Kids Cinema» in Spreitenbach Filmvorführungen mit reduzierter Lautstärke und bei angepassten Lichtverhältnissen – inklusive Rutschbahn und Bällchenbad für die Kleinen. Und das Theater an der Winkelwiese in Zürich hat für Eltern an ausgewählten Daten eine kostenlose Kinderbetreuung während des Theaterbesuchs im Angebot.

Bei den meisten Formaten geht es um den Kulturgenuss der Eltern. Ein von Babys kuratiertes Kulturangebot wäre interaktiver, anarchischer und weniger verkopft. Es sitzen aber keine Baby-­Regisseure oder Baby-Kuratoren an den Schaltzentralen der Macht, sondern Eltern mit einer Sehnsucht nach Betreuungsangeboten.

Wenige Angebote gehen wirklich auf Kinder unter vier ein wie «Murmeli» oder das «Prima-Festival», das in mehreren Schweizer Städten und in Liechtenstein Bühnenstücke für Kinder unter vier Jahren zeigt. Denn die Kulturförderung hat Projekte im Vorschulalter bislang kaum auf dem Radar ­gehabt. Die von der Hochschule der Künste Bern (HKB) und dem Migros-­Kulturprozent getragene nationale Initiative Lapurla macht sich dafür stark, dass Babys und Vorschulkinder in Kunsthäusern und Konzerthallen zur Selbstverständlichkeit werden. Die ­Initiative schleust Zürcher Kitas durch die Kunstausstellungen des Migros ­Museums für Gegenwartskunst – mit hohem Betreuungsaufwand. Denn ein Baby wird vor der Aura eines Kunstwerkes nicht vor Ehrfurcht erstarren, sondern vor allem beherzt zugreifen.

Babys in Kunstmuseen brauchen Geborgenheit

Die Kunstpädagogin Karin Kraus, die Lapurla mit der Psychologin Jessica Schnelle initiiert hat, weiss aus Erfahrung, dass Kinder unter zwei Jahren nichts erklärt bekommen müssen, sondern Impulse über viele Sinne brauchen. Neugierde, das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit und Produktivität stellen sich ohne das Befolgen langweiliger, von Erwachsenen entworfener Bastelanleitungen ein, ist sie überzeugt. Ein tiefer Stresshormon-Level der Betreuungspersonen helfe. «In den hohen, riesigen Ausstellungsräumen von Kunstmuseen brauchen die Kleinen das Gefühl von Geborgenheit, damit sie auf Erkundungsreise gehen», so Kraus.

Dass Babys Kunst noch nicht inhaltlich anschauen, sondern sich an den Linien und Farben erfreuen, macht sie zu offenen Kunstbetrachtern. Auch mein Baby hat eine für mich schwer nachvollziehbare Schwäche für abstrakte Kunst entwickelt. Beim Anblick eines Orientteppichs mit floraler Ornamentik wendet es sich angewidert ab. Innerhalb des Kunstzirkus können Babys das Wertesystem also ganz schön auf den Kopf stellen. Karin Kraus erklärt:

«Wenn sich ein Kind mehr für die Steckdose im Raum interessiert als für den teuren Delacroix an der Wand, dann steht bei uns halt die Steckdose im Zentrum.»

Die Kunst bestehe, darin kein Problem zu sehen.

Tage später, Aargauer Kunsthaus. Eine Kunstpädagogin zeigt im Format «Kunst für Kleine» auf Bilder. «Welche Tiere seht ihr», fragt sie eine Gruppe 0- bis 4-Jähriger. Mein Baby findet das öde. Zielstrebig krabbelt es zum Bücherregal und zieht einen Band des Allgemeinen Künstlerlexikons heraus. Später wird es sauer, als ich ihm einen in Farbe getunkten Tannenzapfen auf ein Blatt Papier lege. Offensichtlich taugt es mehr zum Kunsttheoretiker als zum Maler.

Prima-Festival in Aarau, Bern, Brig, Frauenfeld, Schaan und Zürich. 10.1.–5.2.
www.prima-festival.ch 
Initiative Lapurla:  www.lapurla.ch

Die Nanny, das bezahlte Ersatzmami

Nannys sind im Trend, und oft die letzte Rettung. Findet man keinen Krippenplatz, hat man mehrere Kinder, arbeitet man Vollzeit, dann ist ein Kindermädchen im eigenen Heim eine praktische Lösung. Das Verhältnis erfordert aber Fingerspitzengefühl.
Susanne Holz