Rütimanns grosse Linie

Das Kunstmuseum Solothurn zeigt unter dem Titel «Linien im Kopf» Zeichnungen von Christoph Rütimann. Doch auch in den Videoarbeiten und Objekten des im Thurgau lebenden Künstlers tritt die Linie als zentrales Element auf.

Florian Weiland
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Christoph Rütimann: Die grosse Linie, 1989, installiert als Sammlungslinie im Kunstmuseum Solothurn, 2015–2016. (Bild: Kunstmuseum Solothurn/Dominique Uldry)

Christoph Rütimann: Die grosse Linie, 1989, installiert als Sammlungslinie im Kunstmuseum Solothurn, 2015–2016. (Bild: Kunstmuseum Solothurn/Dominique Uldry)

Vorsicht, Baustelle! Bauabsperrungen in leuchtendem Orange führen wie ein Leitsystem durch die Ausstellungsräume des Kunstmuseums Solothurn. Der im thurgauischen Müllheim lebende Christoph Rütimann hat sie eigens aus London importieren lassen; sie begegnen uns in einem seiner in London gedrehten «Handlauf»-Videos wieder. Die Bauschranken lassen sich zudem als vielfach unterbrochene Linie lesen. Womit wir beim Thema wären. Der Linie.

Sich Zeit nehmen

Sie ist zentral im Werk Rütimanns. Auch wenn in Solothurn die Zeichnungen im Vordergrund stehen, wird schon im Foyer des Museums deutlich, dass sich der im thurgauischen Müllheim lebende Künstler nicht auf ein Medium einschränken lässt.

Metallstangen stützen die Decke, führen wie ein fortlaufendes Band weiter in die angrenzenden Räume. Das Metallrohr wird zu einer Linie. Über dem Eingang wird es zu einer riesigen Schlaufe gebogen. Eine Schlaufe bedeute Verlangsamung, erklärt Rütimann. Eine Einladung, sich Zeit zu nehmen und zu verweilen.

Spuren im Schnee

Auch in seinen Videoarbeiten – was ist der Handlauf eines Geländers oder Zauns, dem Rütimanns Kamera in rasanter Fahrt folgt, anderes als eine Linie? – und kleinen Objekten spielt die Linie eine bedeutende Rolle. Die Ausstellung wurde vom Künstler selbst eingerichtet. Die Inszenierung ist perfekt gelungen. Ein Gesamtkunstwerk ist auf diese Weise entstanden.

Die Hängung der Zeichnungen ist ebenso durchdacht wie die Entscheidung, einzelne Wände grau zu streichen. Bauschranken, Videoarbeiten und Objekte lockern die Ausstellung auf. Das ist gut so, denn Rütimanns Zeichnungen sind, zumindest auf den ersten Blick, vor allem eines: karg. Der Jahreszeit angemessen, lassen sie sich gut mit einem Blick nach draussen, in die Natur, vergleichen. Schnee ist gefallen. Einzelne Gräser und Sträucher ragen aus dem Weiss heraus. Wie von der Natur gemalte Linien. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Rütimann hat für eine der Serien Fotografien der verschneiten Thurgauer Landschaft kopiert und überarbeitet. Es fällt schwer, zu unterscheiden, welche Linien von der Natur vorgegeben wurden und welche Partien der Künstler ergänzt hat.

Anregungen durch Reisen

Mit der Folge «Musik für keine Instrumente» versucht sich Rütimann 1986 erstmals am Medium der Zeichnung. Er sucht nach einer neuen Bildsprache, angesiedelt zwischen Schrift und Zeichnung. Mit der Zeit werden seine Bildfindungen immer abstrakter. Dennoch bleibt Raum für Assoziationen. Auch in den vermeintlich abstrakten Arbeiten meint man teils noch Spuren einer Landschaft zu erkennen.

Anregungen findet Rütimann bei seinen Reisen. Venedig, London oder Amman finden in den Zeichnungen einen Nachhall. Auch die fernöstliche Kunst dürfte ihn beeinflusst haben. Der Thurgauer arbeitet fast immer in Serien, die er dann als beendet ansieht, wenn für ihn alle künstlerische Möglichkeiten erschöpft sind.

Mit Tinte und Tusche

Die Zeichnungen sind in strenger Chronologie gehängt. Für die dunkeltonigen «Thermozeichnungen» hat Rütimann das Abfallmaterial einer Thermofax-Papierrolle verwendet. Die «Geschriebenen Zeichnungen» finden ihren Ausgang in der Handschrift und sind, ganz konsequent, in Tinte ausgeführt.

Ansonsten arbeitet Rütimann ausschliesslich mit Tusche. Ungewöhnlich sind dagegen die Zeichengeräte. Umso ausgefallener, desto besser. Die Fransen eines Wischmops oder Palmwedel kommen zum Einsatz. Auch in Steinfliesen finden sich feine Änderungen, die einer Zeichnung gleichen.

Ein anderer Fall ist die Werkgruppe «Dornen im Wachs». Für eine musikalische Performance in der Kartause Ittingen hat Rütimann schwarze, mit Wachs bedeckte Blätter über die Dornen eines Kaktus gezogen. Das Ergebnis? Eine vom Zufall bestimmte Zeichnung. Nicht verantwortlich ist der Künstler übrigens für die Risse im Mauerwerk des Museums. Auch diese Linien erinnern zwar an eine Zeichnung, sind aber dann doch nur Zeichen für den maroden baulichen Zustand des Museums.

Zu gross für eine Wand

Einzelne Arbeiten haben gewaltige Formate. Neun meterlange Papierrollen füllen die gesamte Wand eines Saals. Eigentlich besteht die «Grosse Zeichnung» aus zehn Papierbahnen – die zehnte fand jedoch keinen Platz mehr. Die Komposition suggeriert dennoch Ganzheit und wirkt in sich geschlossen. Im angrenzenden Raum wird die Chronologie unterbrochen. Zeichnungen in allen möglichen Formaten, entstanden von den 80er Jahren bis 2014, gruppieren sich zu einer Bilderwand, die vor allem eines deutlich macht: Rütimann hat in seinen Zeichnungen zu einer ganz eigenen Bildsprache gefunden.

Eine Fortsetzung und in gewisser Weise ihren Höhepunkt findet die Ausstellung im Obergeschoss. Hier konnte Rütimann seine «Grosse Linie» in die Sammlung des Museums integrieren. Gerahmte Papierbögen mit einer insgesamt 46 Meter langen schwarzen Tuschelinie ziehen sich durch die Räume. Dazwischen die Meisterwerke der Sammlung, Bilder von Hodler, Vallotton oder Léger, die man mit einem Mal ganz anders wahrnimmt. Ihren Abschluss findet die Ausstellung mit der Videoarbeit «In die Bilder», in der ein weiteres Mal die Bilder der hauseigenen Sammlung im Mittelpunkt stehen.

Bis 3.4.; Kunstmuseum Solothurn, Di–Fr 11–17, Sa/So 10–17 Uhr

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