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ROMANE: Kultautoren nerven mit Snobs

Auch literarische Grossmeister garantieren keinen Lesegenuss. Amélie Nothombs Adelsgetue wirkt altbacken und Bodo Kirchhoff präsentiert einen griesgrämigen Snob, der sich über Kreuzfahrten mokiert.
Hansruedi Kugler
Spass an Bord? Für Bodo Kirchhoffs Schriftstellerheld ist eine Kreuzfahrt das Sinnbild für stumpfsinnige Massenkultur. (Bild: Sebastian Pfuetze/Getty)

Spass an Bord? Für Bodo Kirchhoffs Schriftstellerheld ist eine Kreuzfahrt das Sinnbild für stumpfsinnige Massenkultur. (Bild: Sebastian Pfuetze/Getty)

Hansruedi Kugler

So grosses Talent, so viele tolle Romane geschrieben – und dann nerven diese Autoren leidenschaftliche Vielleser mit ihren neuen Büchern! Woran liegt es? Praktisch zeitgleich sind soeben die neuen Romane von Amélie Nothomb und Bodo Kirchhoff erschienen. Beide Autoren haben eine treue Fangemeinde, was ihnen in ihren Ländern Kultstatus eingebracht hat. Und sie machen deutlich, dass Snobismus und das Spiel mit literarischen Zitaten eine riskante Kunstform ist. Allzu schnell wird diese Literatur selbstgefällig und nervt als irrelevantes L’art pour l’art.

Bauchplanschwettbewerb auf dem Kreuzfahrtschiff

Bodo Kirchhoff hat sich einen Namen gemacht als Autor radikaler Selbsterkundung und Spezialist in Sachen Liebe und Gewalt. In «Die Einsamkeit der Haut» liess er 1981 seinen Erzähler monatelang im Frankfurter Rotlichtviertel als Freier ungeschminkte Erlebnisse notieren. In «Schund­roman» (2002) persiflierte er grandios Kitschliteratur. Letztes Jahr bekam er den Deutschen Buchpreis für «Widerfahrnis», in welchem ein Rentnerpaar auf Italienreise mit Flüchtlingen kollidiert. Die Reaktionen waren ex­trem geteilt, bemängelt wurde unter anderem Kirchhoffs ressentimenthafte Kritik an der «Banalisierung der Kultur». Genau dieses Ressentiment baut Kirchhoff in «Einladung zu einer Kreuzfahrt» zum snobistischen, griesgrämigen Raunen aus – zum Missfallen des Lesers.

Es ist ein Briefroman, der aus einem einzigen Brief besteht. Die Einladung zu diversen Lesungen auf einer Kreuzfahrt durch die Karibik quittiert ein Schriftsteller mit einer empörten, 100 Seiten langen E-Mail. Er fantasiert sich vom Schreibtisch aus die Kreuzfahrt zum Sinnbild einer verblödeten Massenkultur, die aus Ablenkung, Völlerei, kitschiger Romantik und Spasszwang besteht und als Illusionsmaschine den Mitfahrenden ein Gemeinschaftserlebnis vorgaukelt. Kein Wunder, ekelt es ihn vor dem verordneten Bauchplatscherwettbewerb an Bord dieses Schlaraffenland-Dampfers inmitten einer Elendsregion mit Zwischenhalt im verarmten Haiti. Kein Wunder, sieht sich dieser Schriftsteller vollkommen fehl am Platz – er, der sich als Spassverderber sieht, als einer, der überall das Scheitern, das Unvermögen sucht und von sich sagt: «Man kann keine Stunde mit mir verbringen, ohne zu bemerken, dass ich die Welt für verloren halte.» Mitleid oder Solidarität stellt sich beim Leser nicht ein, obwohl man ihn ja versteht: Die Stellung der Schriftstellerei in der Spasskultur ist hoffnungslos. Nur ka­priziert sich dieser Autor als überheblicher Spötter, als Snob und Whiskeykenner.

Sich über Kreuzfahrten lustig zu machen, ist ein billiger Scherz. Für Leser, die sich mit aufgeputschtem Ressentiment über Kreuzfahrten mokieren wollen, ist das Buch ein Vergnügen. Wer die Polemik als Schutzschild eines verzweifelten Schriftstellers erträgt, findet es erhellend. Bei allen anderen Lesern hat Kirchhoff mit seinem wehleidig überheblichen Protagonisten die Gefolgschaft verloren. Als überdeutlicher Wink mit dem Zaunpfahl vergleicht sich sein Briefschreiber auch noch mit Franz Kafkas «Hungerkünstler». In dessen Erzählung aus dem Jahr 1922 verhungert dieser – enttäuscht, dass das Interesse des unterhaltungssüchtigen Publikums an der asketischen Kunst zu rasch versiegt. Der Vergleich ist ärgerlich selbstgefällig. Denn Kirchhoffs Autor bleibt ein unironisch selbstgefälliger Muffel.

Amélie Nothombs Snob ist wenigstens kein Griesgram

Wenn schon Snob, dann bitte kein Griesgram, möchte man den Autoren zurufen. Sonst vergeht die Leselust sehr schnell. Der unübertroffene Grossmeister als eleganter Spötter ist nach wie vor der legendäre Oscar Wilde. Wie er seine Snobs mit spitzer Zunge vorführte und dabei die viktorianische Bigotterie aufspiesste, gehört zu den leichtfüssigsten Satiren der Weltliteratur. Die fabelhafte, hochbegabte französische Bestsellerautorin Amélie No­thomb hat sich in ihrem neuen Roman die Erzählung «Lord Arthur Saviles Verbrechen» als Vorlage genommen. Darin macht sich Wilde lustig über den bornierten, skrupellosen Aberglauben eines Lords, dem von einer Wahrsagerin prophezeit wird, er könne seine Verlobte nicht heiraten, bevor er nicht einen Menschen umbringe. In einer grotesken Serie von misslungenen Attentaten verzweifelt Lord Savile fast, bis er unter glücklichen Umständen ein Opfer findet, ohne als Mörder da zu stehen.

Nothomb verlegt die Geschichte in die Gegenwart nach Belgien. Der verarmte Graf Neville, der sein Schloss verkaufen muss, gerät in dieselbe Zwickmühle. Er werde auf seiner letzten Gartenparty einen Gast ermorden, raunt eine Wahrsagerin. Nothomb verbindet nun das kitschige Genre des adligen Schundromans mit der spitzzüngigen Empfindungslosigkeit und Todessehnsucht von Nevilles Tochter, die aus einem angedeuteten sexuellen Missbrauch resultiert, und verquickt dies mit der unentrinnbaren Tragik griechischer Sagenhelden. Nevilles Kinder heissen denn auch Orest, Electre und Sérieuse. Nothomb steigt mit einer Lawine sprachlicher Klischees ein: «Er liebte seine Frau mehr als am ersten Tag», schliesslich ist sie eine «hinreissende Schönheit» – und dann platzt auch noch ein Autoreifen.

Wir merken: lauter Ironiesignale. Doch zur Satire taugt das nicht, auch wenn das Pflichtgefühl des Grafen als Gastgebers karikiert wird, auch wenn die Geschichte ein paar turbulente, makaber-ironische Haken schlägt. Was bei Oscar Wilde als Gesellschaftssatire bestens funktionierte, baut sich bei Nothomb trotz vergnüglich spitzzüngigen Dialogen bloss zur postmodernen Spielerei auf. Zu altbacken ist das adlige Personal. Man mag das Buch als Märchen lesen und dabei Vergnügen finden. Aber Amélie Nothomb verschwendet in ihrem neuen Roman ihr Talent an eine Posse, Bodo Kirchhoff packt sich mit seinem Kreuzfahrtschiff ein allzu leichtes Opfer für seinen Kulturekel. Das ist schade – man darf sich nerven.

Amélie Nothomb: Töte mich. Diogenes, 112 S., Fr. 30.-

Bodo Kirchhoff: Einladung zu einer Kreuzfahrt, Frankfurter Verlagsanstalt, 128 S., Fr. 22.-

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