ROMANDÉBUT: Filmliebe mit Augenzwinkern

Der Thurgauer Journalist und Autor Roland Schäfli hat einen witzigen Roman über einen Filmfestival-Direktor geschrieben. Ein Antiheld, mit dem er aber eine Leidenschaft teilt.

Andreas Stock
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Journalist und Filmspezialist Roland Schäfli mit einer Filmrolle in seinem Hauskino. (Bild: Donato Caspari)

Journalist und Filmspezialist Roland Schäfli mit einer Filmrolle in seinem Hauskino. (Bild: Donato Caspari)

Sein Lieblingsfilm ist der Western «Die glorreichen Sieben». Federico Del Rio, der mit 130 Kilo schwergewichtige Mitarbeiter des südlichen Filmfestivals, zitiert gerne aus den Dialogen des Hollywood-Klassikers – und hat wenig Verständnis, wenn sein Gegenüber solche Anspielungen nicht zu erkennen vermag. Doch dann sind von Del Rio plötzlich grössere Fähigkeiten gefragt. Er, der bislang für die Retrospektive verantwortlich ist, wird mangels Alternativen von einem Tag auf den anderen Festivaldirektor. Denn der Direktor ist wenige Tage vor Festivalbeginn während einer Vorstellung von «Citizen Kane» verstorben.

In seinem Romanerstling schildert Roland Schäfli mit bösem Witz, wie Del Rio von der Direktorenrolle völlig überfordert ist. Dies aber mit stoischer Ignoranz, Selbstüberschätzung und einer gehörigen Portion Gleichgültigkeit buchstäblich aussitzt. Dabei macht Federicos Nähe zu einer alten Hollywood-Diva Schlagzeilen, seine Filmauswahl mit Beiträgen aus dem Nahen Osten droht politisch zu eskalieren. Und zu allem gesellt sich der Verdacht, die Buchhaltung des Festivals könnte nicht koscher sein. So viel sei verraten: Es wird ein äusserst chaotisches Festival.

Die Liebe zum Film im eigenen Hauskino

«Ich hatte Lust, von einer Figur zu erzählen, die eigentlich unsympathisch ist, für die aber alles gut ausgeht – in einem Film wäre das so kaum möglich», sagt Roland Schäfli. Er weiss, wovon er redet und schreibt. Die Filmleidenschaft ist nicht nur das zentrale Thema des Romans, sondern auch im Leben des 1968 in Frauenfeld geborenen Journalisten und Autors. An Filmfestivals war er oft, und das fiktive Festival seines Buches dürfte wohl auch ein wenig von Locarno und Venedig inspiriert sein.

Die Liebe zum Kino begann früh und ging schnell über das blosse Filme anschauen hinaus. Davon zeugen unter anderem die Wände entlang der Kellertreppe, die ins eigene Hauskino am Thurgauer Wohnsitz führt. Dort hängen eng nebeneinander die Fotos mit Autogrammen von Stars – Erinnerungen an Interviews, die er als Journalist führen durfte. Hinter der Türe tritt man in ein «richtiges» nostalgisches Kino: mit einer Leinwand, die von einem roten Vorhang verdeckt wird, mit rotem Plüsch an den Wänden und altehrwürdigen Kinoplakaten und Aushangfotos. Die Zeitreise setzt sich im dahinterliegenden Projektionsraum fort, wo sich ein prächtiger alter Filmprojektor befindet; «Cinemeccanica Milano» steht auf dem Apparat, der ursprünglich mal in einem Pornokino gestanden hatte – dies ist bereits sein dritter Projektor. Die rund 200 35 mm-Filme, die Schäfli gesammelt hat, sind hier ebenfalls gelagert – «so, wie sie auch in der Cinémathèque Suisse in Lausanne aufbewahrt werden.»

Bis vor ein paar Jahren seien die Sammler von 35 mm (dem Format, in dem Kinofilme vorgeführt wurden) eine lebhafte, kleine Szene gewesen. Kopien, die sonst nach der Kinoauswertung vernichtet wurden, liessen sich vor allem aus Deutschland besorgen – dort waren die Lageristen eher empfänglich für Bestechungsgelder für solche Unikate. «In dieser Sammlerszene wurden munter Kopien verschoben», verrät er, «und nicht selten war die Cinémathèque froh, wenn sie sich an einen Sammler wenden konnte, der den einzig verbliebenen Print eines seltenen Films stiften konnte.»

Vom Lokaljournalismus zum Privatfernsehen

Mit dem Verlag «Die Brotsuppe» habe er bewusst einen «kleinen, aber feinen Verlag» gesucht. Für Verlegerin Ursi Anna Aeschbach ist sein Buch aus dem Comedy-Genre auch etwas Neues gewesen. «Wir haben uns schnell gut verstanden, und sie war genau die harte und kritische Lektorin, die ich mir gewünscht hatte.» Anders als bei vielen seiner anderen Arbeiten konnte Schäfli dennoch so schreiben und erzählen, wie er wollte – eine Freiheit, die ihm spürbar Spass gemacht hat. Denn oft arbeitet der selbstständige Produzent, Journalist und Texter im Auftragsverhältnis. Aktuell schreibt er für die Samstags-Quizshow von SRF 3 die Fragen, und er textet die Off-Kommentare für die SRF-Sendung «Mini Beiz, dini Beiz». Zudem schreibt er für Magazine im In- und Ausland; gerade sind Texte fürs «Readers Digest», das deutsche «Kult» und «Cigar» in Arbeit.

Das Journalisten-Handwerk hat Schäfli bei der «Thurgauer Volkszeitung» gelernt, bei der «Wiler Zeitung» war er dann stellvertretender Chefredaktor. Nach zehn Jahren Print-Journalismus zog es ihn zum Fernsehen. Damals wurden gerade die «Schweizer Fenster» von Pro 7 und RTL lanciert. Die Pionierarbeit der Privat- und Lokalsender gehörte mehrere Jahre zur Konstante in den wechselnden Aufgaben bei verschiedenen Sendern, unter anderem bei «Tele Ostschweiz». Zu jenem Zeitpunkt hatte er sich selbstständig gemacht und verschiedene Formate für Regionalfernsehsender entwickelt, darunter waren eine Koch- und eine Kinosendung. In den letzten Jahren verlagerte sich seine Tätigkeit auf die grossen Schweizer Online-Plattformen.

Die lustigsten 90 Minuten der Woche

Das humoristische Schreiben begann für Roland Schäfli nicht erst mit einem satirischen Roman. So hat er Sketche für die Comedy-Sendung «Edelmais» verfasst und er war neun Jahre als «Inputter» bei «Giacobbo/Müller» tätig. Jeweils am Donnerstag sass er mit Viktor Giacobbo, Mike Müller, Domenico Blass und zwei weiteren Inputtern beim Brainstorming. Sie sind die Themen der Woche durchgegangen und haben Witze entwickelt: «Es waren jeweils die lustigsten 90 Minuten der Woche», erinnert sich Schäfli. Mit Beiträgen im «Nebelspalter» kann er auch weiterhin seiner Neigung für satirische Texte folgen.

Es überrascht wohl kaum noch, dass der vielseitige Autor zudem an mehreren Drehbüchern mitgeschrieben hat. Gerade wieder entwickelte er eine Drehbuchidee mit der Dramaturgin Christa Capaul («Lüthi & Blanc»). Ob ihr Konzept für einen Fernsehfilm auf Interesse stösst, weiss er noch nicht. «Selbst wenn ein Script optimiert wurde, ist das keine Garantie dafür, dass daraus ein Film wird», so seine Erfahrung. Für ein englisches Drehbuch hatte er einen Förderpreis erhalten, was ihm ermöglichte, das Projekt mit Hollywood-Autoren weiterzuentwickeln. Dennoch habe sich das Projekt irgendwann im Sand verlaufen.

Die böse Pointe mit «Citizen Kane»

Anders als Federico Del Rio will Roland Schäfli keinen Lieblingsfilm nennen: «Das ändert immer wieder, je nachdem, welchen Klassiker man sich gerade wieder angesehen hat.» Aber Filme von Regisseuren wie Howard Hawks und John Ford gehören neben anderen dazu. Auch sonst unterscheidet sich der verheiratete Thurgauer doch sehr von seinem Antihelden, dessen Macken und Leidenschaften er ebenso wie die Eitelkeiten des Filmgeschäfts mit einem Augenzwinkern beschreibt. Erspart geblieben ist dem 35 mm-Sammler bislang auch Del Rios schlimmste Erfahrung: Einen Film unwiederbringlich zu zerstören. Dass er seinen Festivaldirektor diesen Albtraum ausgerechnet mit einer exklusiven Kopie von «Citizen Kane» erleiden lässt, ist eine böse Pointe, wie sie sich wohl nur ein grosser Filmfreund ausdenken kann.