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ROMANDÉBUT: Die Leiden des jungen Lanzelots

Das Studium am Schweizerischen Literaturinstitut hat Flurin Jecker vor kurzem abgeschlossen. Jetzt ist sein Erstling «Lanz» über einen 14-jährigen Blogger erschienen – einen, der «schreibt, wie er talkt».
Bettina Kugler
Schreibt mit hoher Drehzahl: Flurin Jecker, Jahrgang 1990. (Bild: Janis Maus Marti/PD)

Schreibt mit hoher Drehzahl: Flurin Jecker, Jahrgang 1990. (Bild: Janis Maus Marti/PD)

Die gute Nachricht vorweg: Lanz wird sich am Ende nicht das Leben nehmen wie Goethes Werther, auch wenn er probehalber bis zur letzten Sekunde Steine auf den Gleisen der Rhätischen Bahn aufreiht. Statt der Welt und ihrer Hoffnungslosigkeit Adieu zu ­sagen, sitzt er «halt schon im Zug für nach Hause». Dem «Anschiss», der ihn in der Schule von seinem verhassten Klassenlehrer Gilgen alias «Gilgonator» erwartet, sieht er einigermassen gelassen entgegen – so pragmatisch, wie Vierzehnjährige heutzutage eben sein müssen. «(…) ich habe mir halt überlegt, dass ich in diesem Jahr nur noch 120 und in der Neunten nur noch 434 Lektionen mit ihm habe. Und dass er mich dann für immer am Arsch kann.»

Oft bekifft – aber beim Schreiben klar im Kopf

Ja, rechnen und klar denken kann Lanz, als er zurückfährt in seinen Alltag zwischen Stuhl und Bank, zwischen kindlicher Sehnsucht nach Geborgenheit und Erwachsenwerden, zwischen Schulfrust und den zwei Wohnungen der getrennt lebenden Eltern. Obwohl er etliche Joints raucht und sich im Umgang mit dem Mädchen seiner Träume nicht gerade durch Geistesgegenwart empfiehlt. Ihretwegen meldet er sich für ein Schulprojekt, in dem er ­einen Blog schreiben soll. Erst ist er blockiert, bald aber im Mit­teilungsdrang nicht mehr zu bremsen. Bis das Erzählen zu Übersprunghandlungen führt. Er steigt in den nächsten Zug, fährt zu Verwandten in ein Bergdorf.

Lanz heisst eigentlich Lanzelot; Flurin Jecker, 1990 in Bern geboren, trägt den literarisch aufgeladenen Namen nicht krakeelend zu Markte. Im Titel seines Romandébuts kürzt er ihn lässig ab. Gleichwohl hat ihn das Spiel mit der grossen Bedeutung gereizt. Es gibt zwar keine nennenswerten Parallelen zur Figur aus der Artus-Sage, doch Jecker, Absolvent des Literaturinstituts Biel, nimmt damit selbstbewusst Platz an der literarischen Tafelrunde. Wo er sich durchaus zeigen darf, mag «Lanz» auch Wasser auf den Mühlen jener Kulturpessimisten sein, die eine Verlotterung der ­literarischen Sprache befürchten. Kurz vor Erscheinen des Buchs klagte der Schriftsteller und Übersetzer Felix Philipp Ingold in der «NZZ» über die literarische Eventkultur und Autoren, die «schreiben, wie sie talken». Prompt nahm «Nagel & Kimche»-Verleger Dirk Vaihinger seinen Neuzugang Jecker vorauseilend in Schutz: Literatur lebe seit jeher davon, dass sie den Leuten «aufs Maul schaue». Das ist Flurin ­Jecker mit «Lanz» zweifellos ­gelungen, wie einst Wolfgang Herrndorf mit «Tschick» (2010). Bleibt die Frage, wer diesen rabiaten wie verletzlichen Text cool finden wird. Wohl eher jene, die nicht mehr so sehr mit dem Heldwerden beschäftigt sind.

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Flurin Jecker: Lanz, Nagel & Kimche 2017, 128 S., Fr. 25.90

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