Romandampfer mit blühenden Gärten

Dieses Jahr wird der in Basel geborene Journalist und Romancier Dieter Bachmann 75 Jahre alt.

Heiko Strech
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Dieter Bachmann: Die Gärten der Medusa, Limmat 2015, 400 S., Fr. 29.–

Dieter Bachmann: Die Gärten der Medusa, Limmat 2015, 400 S., Fr. 29.–

Dieses Jahr wird der in Basel geborene Journalist und Romancier Dieter Bachmann 75 Jahre alt. Der namhafte Kulturvermittler mit Stationen bei der «Weltwoche», dem «Magazin», dann Chefredaktor «Du», zuletzt Direttore des Istituto Svizzero in Rom, hat jetzt seinen besten Roman geschrieben, «Die Gärten der Medusa».

13 Tage unter sengender Sonne

Bachmann spielt auf das Floss des französischen Kriegsschiffes «Medusa» an, das wegen eines unfähigen Schettino von 1816 vor Afrika auf Grund lief. Die Oberen stiegen in die Rettungsboote, kappten rasch die Leinen zu einem Floss für 149 Mann. Die trieben 13 Tage unter sengender Sonne: Durst, Hunger, Wahn, Tod, Mord, Kannibalismus. 15 Überlebende wurden gerettet. Géricault malte 1819 sein berühmtes Bild ohne Uniformen – nackte Leiber auf einem kleinen Floss, zeitloses Menschheitsinbild zwischen den Polen Hoffen und Verzweifeln.

Jetzt lässt Bachmann also sein imposantes Romanschiff «Die Gärten der Medusa» vom Stapel. Tatsächlich bietet es Platz nicht nur für Passagiere, sondern auch etwa den Jardin du Luxembourg und den Jardin des Plantes in Paris. Oder für den Park von Fürst Pückler in Branitz/Mark Brandenburg. Allein die Lektüre dieser glänzend visualisierten Anlagen lohnt die Lektüre.

Das riesige Gartenschiff samt Wäldern, Sträuchern, weiten Wiesen und kleinen Beeten beherbergt allerlei Getier und Gemensch – historisch oder erfunden. Auch reales Personal aus dem Leben des Autors fährt mit. Meisterhaft etwa das Porträt des rumänischen Pessimismus-Philosophen Cioran: «Existieren, das heisst Herumbasteln im Unheilbaren.»

Schweiz, Europa und die Welt

Mit auf dem Dampfer ist der «Anthropologe» Theo Wild, Bachmanns Alter Ego. Und die frühe Liebe Anna. Und Ehefrau Helen im Beziehungs-Hin-und-Her. Als Schiffsdecks dienen Zürich, Paris, Tessin, Deutschland, Italien. Tangential am eigenen Lebensstoff entlang entfaltet Bachmann Schweizer, Europa- und Weltstoff, einander durchdringend. Der wortvirtuose Romancier der letzten Jahrzehnte, oft sprachspielheiter, springt immer wieder mal ins Heute. Unversehens verwandelt sich so das Floss der Medusa in ein elendes Todesschiff von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer.

Bei allem Reichtum an vielstimmigen Inhalten: Der Unterton des Romans ist melancholisch bis Cioran-pessimistisch, das Menschheitsschiff «Medusa» eine gefährdete Arche Noah. Wohin treibt sie? Ins Scheitern? Schliesslich liess die antik-mythische Gorgone Medusa alle tödlich erstarren, die in ihr Antlitz blickten. Ein Bachmann-Lichtblick: eben die herrlichen Gärten auf dem Schiff – die Balance von Natur und Kultur/Zivilisation.

Auf sie hofft Dieter Bachmann für unsere Zeit. Dieser äusserlich so beneidenswert Erfolgreiche packt aber nicht nur mit dem grossen Thema Menschheitsscheitern, sondern auch mit dem der «kleinen» privaten Schiffbrüche.

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