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ROMAN: Sie kämpft literarisch für Uiguren

Alice Grünfelder ist Sinologin, interessiert sich aber vor allem für die nichtchinesischen Völker in China. Die St. Galler Dozentin hat bereits zwei Bücher über Tibet herausgegeben. Ihr erster Roman widmet sie nun aber den in Xinjiang lebenden Uiguren.
Mirjam Bächtold

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Es waren schon immer die Ränder Chinas, die Alice Grünfelder faszinierten. Die Gebiete in denen andere Nationalitäten leben als Chinesen, wie etwa Tibet. Alice Grünfelder hat mehrere Bücher mit Erzählungen von tibetischen Autoren publiziert und ihre Magisterarbeit über die Region geschrieben. Im Unionsverlag gab sie mehrere Bücher über Asien heraus. «Als ich meine Arbeit als Lektorin an den Nagel hängte, um an der Berufsschule angehende Handwerker zu unterrichten, verstanden mich die wenigsten», sagt sie. Sie habe diesen Schritt nie bereut. Sie brauche den Arbeitsalltag, der ihr Schreiben befruchtet. Seit 2016 arbeitet sie auch an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Ihr Buch «Die Wüstengängerin» begann sie bereits 2004 zu schreiben. «Es irritierte mich zunehmend, dass der Westen über Tibet so gut Bescheid weiss, aber über die Uiguren in Xin­jiang, wo die Situation schlimmer ist, praktisch nicht informiert ist», sagt sie. Die Ereignisse haben sie während des Schreibens eingeholt: 2009 starben bei einer Demonstration in Xinjiangs Hauptstadt Ürümqi knapp 200 Uiguren, mehr als 1700 wurden verletzt. Seit diesem Zwischenfall spitzte sich die Lage in Xinjiang zu. Dass ihr Buch ein Roman werden sollte, war für sie schnell klar. «Die Faktenlage ist sehr widersprüchlich. Chinesen sagen natürlich etwas anderes als die Uiguren.» Aus diesen sich widersprechenden Fakten ein Sachbuch zu schreiben, wäre schwierig geworden. Im Roman hingegen kann Alice Grünfelder mit der Verwirrtheit bewusst spielen.

50 Jahre Geschichte in einem Roman

In «Die Wüstengängerin» reist die deutsche Sinologiestudentin Roxana Anfang der 1990er-Jahre durch China und will in Xinjiang alte Höhlenmalereien suchen, um zu beweisen, dass die Uiguren nicht immer muslimisch, sondern ursprünglich buddhistisch waren. Unterwegs trifft sie den Schweizer Alex, der als Journalist den Westen über die Missstände aufklären will. Roxana kehrt von einem ihrer Trecks nicht mehr aus der Wüste zurück. 20 Jahre später reist Linda nach Xinjiang, um Entwicklungshilfe zu leisten. Die Regierung vor Ort boykottiert jedoch das Projekt. Während des Wartens findet sie Roxanas Aufzeichnungen und beginnt, sich in deren Arbeit zu vertiefen.

Alice Grünfelder hat die Geschichte Xinjiangs im Roman nacherzählt. «Meine grösste Befürchtung war, dass er zu moralisierend würde», sagt die Autorin. Doch es ist ihr gelungen, auf packende Weise die Schicksale Roxanas und Lindas zu erzählen und wie nebenbei über die Lage in Xinjiang zu informieren. Über die Atomraketentests, über die Baumwollplantagen, die das Wasser für die Landwirtschaft verknappten, über die verschiedenen Aufstände der Uiguren, über das Scannen ganzer Busse an mehreren Stationen, über das Verbot, Bärte zu tragen, über die beständigen Unruhen und Attentate in der Region. Dabei beschreibt sie die Wüstenlandschaft, die Städte, die Menschen, den Bazar, den Tumult einer öffentlichen Hinrichtung auf sehr authentische Weise mit einer knappen und doch bildhaften Sprache. Allgegenwärtig werden beim Lesen die Hitze und der Staub, und selbst bei schweizerischen Temperaturen kann man die Glut zwischen den Seiten fühlen.

Wie Roxana hat Alice Grünfelder Sinologie in Deutschland und China studiert. «Nach Höhlenmalereien habe ich aber nie gesucht», sagt sie. Einige Situationen hat sie fast genauso wie ihre Protagonistin erlebt, etwa den Diebstahl im Hotelzimmer, während sie abwesend war. In Indien begab sie sich einmal in eine Situation, in der sie überfallen und lebensgefährlich bedroht wurde. Ein anderes Mal landete sie wegen eines falschen Verdachts in einem indischen Gefängnis. Auch den Boykott der Regierung hat sie erlebt, jedoch in Tibet. Sie war als Dolmetscherin mit einer Geologin unterwegs. «Wir standen unter Hausarrest, büxten aus und gelangten durch Autostopp an den gewünschten Ort», erzählt sie. In der Folge wurde die Zusammenarbeit gänzlich verweigert. Seit Mitte der 1990er-Jahre war Alice Grünfelder nicht mehr in Xinjiang. «Wenn ich könnte, würde ich sofort nach China ziehen», sagt sie.

Mirjam Bächtold

Alice Grünfelder: Die Wüstengängerin. Edition 8, 220 S., Fr. 27.–

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