ROMAN: Schweizer Totengesang aus karger Zeit

«Keinen Seufzer wert» basiert auf einem Verbrechen, das zur letzten öffentlichen Hinrichtung im Emmental führte. Barbara Lutz zeichnet die Figuren faszinierend anschaulich und fein.

Irene Widmer (sda)
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Die Vierfach-Enthauptung im Ramserngraben im Juli 1861 war ein Strassenfeger: 12000 bis 15000 Schaulustige pilgerten zur Exekution. Ein Lehrer machte sogar ein Schulreisli zum Spektakel, ein Bauer belohnte Knechte und Mägde mit einem Betriebsausflug zum Schafott. Obwohl der Ausgang der Geschichte von Anfang an durch Zitate aus historischen Quellen offengelegt wird, liest sich «Keinen Seufzer wert» ungemein spannend. Denn was erzählt wird, scheint zunächst kaum vereinbar mit der drastischen Konsequenz einer öffentlichen Hinrichtung. Killer, wie man sie sich vorstellt, kommen keine vor.

Im Grunde drangsaliert einfach ein misanthropischer Bauer seine Untermieter. Der Schlatter Resli vom Schafberg bei Signau ist ein geiziger Stündeler, der seinen Vater und die Schwestern vom Hof gejagt hat und sein verkommenes Heimetli mehr schlecht als recht allein bewirtschaftet. Da gelangt ein entfernter Verwandter an ihn, der Schuhmacher und Tagelöhner Jakob Wyssler, der ein Obdach sucht für seine fünfköpfige Familie – ein viertes Kind ist unterwegs. Mit der Idee, eine Geissenzucht zu starten, weckt der naive Jakob die Begehrlichkeit von Schlatter. Dieser verspricht der jungen Familie etwas Ackerland sowie Stube und Gaden. Als die Wysslers endlich einziehen, ist von Geissen weit und breit nichts zu sehen. Schlatter lässt lieber die Kartoffeln im Keller verfaulen, als etwas abzugeben. Den Wysslers mangelt’s am Nötigsten, in der Not wird zusammen mit befreundeten Nachbarn sein Tod beschlossen. Der Raubmord, den die vier Täter begehen, bringt ihnen nur ein paar Fränkli.

Harte Zeiten, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts im Emmental herrschten, zehren nicht nur an den körperlichen Kräften, auch Empathie bringt da keiner mehr auf. In dieser Geschichte gibt es nur Verlierer, jeder frevelt am anderen. Die fein gezeichneten Charakterzüge sind die Stärke dieses Buchs. Barbara Lutz erklärt nichts, zeigt nur, so dass man die Figuren mehr spürt als versteht. Eine wohltuende Abwechslung zu jenen historischen Romanen, die zu oft geschwätzig und dadurch langweilig sind.

Irene Widmer (SDA)