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ROMAN: Mordkomplott in Orwell-Schweiz

Eigentlich ist das neue Buch von Charles Lewinsky (71) ein Politthriller. Sowie eine Art Schweizer Version von «1984». Und eine Ansammlung von Pointen. Doch die grösste Stärke liegt ganz woanders.
Arno Renggli
Charles Lewinsky (Bild: Michel Canonica)

Charles Lewinsky (Bild: Michel Canonica)

Arno Renggli

Wir befinden uns in der Schweiz einer nicht allzu fernen Zukunft: Demokratie und Konkordanz gibt es nur noch theoretisch, das Land wird dominiert von der Partei der «Eidgenössischen Demokraten», welche die Parlamentsmehrheit und sechs Bundesratssitze hat. (Die Analogie zur SVP ist überdeutlich, zumal zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» nicht mehr existiert, dafür aber die «Welt­woche» täglich erscheint.)

Auch den Überwachungsstaat à la Orwells «1984» finden wir vor, die Verwaltung registriert etwa die Internetaktivitäten oder via Handyzahlungen die Mobilität der Bürger. Es gibt sogar eine Art «Big Brother»: den Parteigründer Wille (daher der doppeldeutige Buchtitel «Der Wille des Volkes»), der allerdings nur noch als Symbolfigur herrscht und im Spital dem Tod entgegensiecht.

Abgehalfterter Journalist und blonder Jungbrunnen

In einer solchen Gesellschaft ist ein kritischer Recherchejournalist nicht mehr gefragt. Und so ist Kurt Weilemann von den Redaktionen ausgemustert worden. Inzwischen lebt er von seinem kargen Altenteil und wird nur noch ab und zu angefragt, kurze Nachrufe auf Leute zu verfassen, die ohnehin niemand mehr kennt.

Doch dann kommt Bewegung in sein Leben: Ein alter Berufskollege kontaktiert ihn, angeblich hat er eine brisante Story am Köcheln. Bevor dieser Kollege mehr berichten kann, ist er tot. Und was von den Behörden als Unfall deklariert wird, ist allzu offensichtlich was anderes – nämlich ein Mord.

Nun könnte Weilemann die Finger von der gefährlichen Sache lassen. Und zieht das auch redlich in Betracht. Aber dann taucht eine verführerische junge Frau auf, die sich als Sexualtherapeutin (!) des Verstorbenen bezeichnet. Und motiviert Weilemann, auf den sie wie ein Jungbrunnen wirkt, die Fährte aufzunehmen.

Es geht um einen längst vergangenen Mordfall an einem ­Parteioberen, der damals einem Asylbewerber in die Schuhe geschoben worden war. Aber Weile­mann weiss bald mehr: Die Sache damals war ein parteiinterner Mordkomplott. Und diese Wahrheit würde die Schweiz erschüttern. Klar, dass Weilemann mit seinen Recherchen bald auf bedrohliches Missfallen stösst. Wobei nicht nur sein eigener Sohn eine dubiose Rolle spielt, sondern auch die blonde Schöne.

Hybrid mit gewisser ­Unentschlossenheit

Was ist das nun für ein Roman, den Charles Lewinsky vorlegt? Ein Hybrid, könnte man auf Neudeutsch sagen, und gleich ein mehrfacher: Angelegt ist er als Krimi. Wobei man nicht allzu viel Action und Tempo erwarten darf, gerade weil die als innere Monologe formulierten Gedanken­gänge Weilemanns öfter weitherum schweifen und kreisen. Allerdings kann man attestieren, dass der Spannungsbogen durchaus funktioniert und der Plot auch sauber aufgelöst wird.

Dann ist der Roman die erwähnte Dystopie à la Orwell. Wobei Lewinsky diese nicht wirklich ausarbeitet, sondern deren Dimension durch immer wieder eingestreute Einzelinformationen nur erahnen lässt. Was erzählerisch zum eher leichten Grundton passt. Hier wird man daran erinnert, dass Lewinsky nicht nur der Autor von erfolgreichen Romanen wie «Melnitz» oder zuletzt ­«Andersen» ist, sondern auch populäre TV-Sitcoms wie «Fascht e Familie» geschrieben hat.

Jedenfalls füllt er die ohnehin schon lockere Sprache stetig mit sprachlichen Pointen und ­komischen Situationen. Und obschon diese mehrheitlich witzig sind, unterwandern sie etwas die Ernsthaftigkeit des Textes und seiner Inhalte. Oder soll das Ganze eine Satire sein? Aber als ­solche wirkt es genauso unentschlossen wie als Krimi oder als erschreckende Politvision.

Geht es primär um die ­Innensicht der Hauptfigur?

Was einen bei der Lektüre aber nicht wirklich stört. Vielmehr geniesst man die kontinuierliche Unterhaltung. Und eine grosse Stärke hat der Roman: seine Hauptfigur. Gerade dank der ­Einsicht in die Gehirnwindungen und Gedankenkreise Weilemanns erlebt man ihn sehr nahe. Vieles seiner Lebensrealität kann man spätestens ab 50 auch persönlich gut nachvollziehen, inklusive der mannigfaltigen kleinen Schwächen und Empfindlichkeiten.

Ist der Roman womöglich primär das ebenso witzige wie berührende Porträt eines alt gewor­denen Mannes, dem die Gesellschaft und ihre Entwicklungen längst fremd sind? Und der dann nochmals Lebenskraft und Kampfgeist entwickelt, obwohl er unmöglich gewinnen kann?

Falls darin die Hauptabsicht des Buches besteht, ist es sehr gelungen. Wie übrigens auch sein erster Satz, den wir beispielhaft für viele gute Formulierungen zitieren: «Manchmal nahm Weilemann den Hörer ab, obwohl es gar nicht geklingelt hatte, nur um zu überprüfen, ob da überhaupt noch ein Summton war.» Besser kann man einen Text nicht beginnen.

Hinweis

Charles Lewinsky: Der Wille des Volkes. Nagel & Kimche, 384 Seiten, Fr. 36.–

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