ROMAN: Mit dem Eisblock in den Sommer

Die Belgierin Lize Spit hat mit ihrem Début «Und es schmilzt» die holländischsprechende Welt erobert. Die Chancen stehen gut, dass sie nun auch die deutschsprachige Welt überrascht.

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13 Jahre nach den Ereignissen, die Eva de Wolfs Leben für ­immer veränderten, fährt die 27-Jährige mit dem Auto in ihr Heimatdorf zurück, im Kofferraum einen riesigen Eisblock. Es ist für sie an der Zeit, ihre Sicht auf die Dinge zu berichten. Diesen Bericht liefert die Belgierin Lize Spit in ihrem Roman «Und es schmilzt», der vor einem Jahr auf Flämisch erschien, seither Preise über Preise einheimst und dem gerade erst gegründeten niederländischen Verlag einen Riesenerfolg bescherte. Auf 508 Seiten lang blättert die 29-jährige Spit nun auch vor deutschsprachigen Lesern die Ereignisse auf, die sie in drei Zeitebenen erzählt.

Da ist erstens der Tag von Evas Rückkehr in das Dorf Bovenmeer, der Tag, an dem ihr Jugendfreund Pim mit einer Party an den Todestag seines Bruders erinnern und gleichzeitig seine neue Melkmaschine vorführen will – welch eine Kombination! Da ist zweitens der Sommer 2002, die Ferien, in denen die Freundschaft von Eva, Laurens und Pim, der drei Dorfkinder des Jahrgangs 1988, zerbrechen wird. Der Sommer, in dem Pim und Laurens ihre Männlichkeit entdecken und Eva immer mehr an den Rand gedrängt wird.

Und da sind drittens die Geschichten darum herum: Rückblenden in die Zeit vor 2002 zumeist, die schnell deutlich machen, in was für einer Familie Eva da ihre Kindheit verbringen muss: Der Vater Alkoholiker und gewalttätig, die Mutter ebenfalls Alkoholikerin, dazu tablettenabhängig. Die beiden eint der Suff und der ewige Krach, den der Vater dominiert und die Mutter geduldig erträgt – sehr zu Lasten der Kinder. Da ist Evas älterer Bruder Jolan, Teil eines Zwillingpaares, dessen Schwester bei der Geburt stirbt. Und da ist Tesje, die kleinere Schwester. «Was willst du? Nach zwei Kindern war für sie nicht mehr genug Material übrig», scherzt der Vater auf seine grausame Art. Und in der Tat wird sich die Schwester immer mehr auflösen, körperlich verschwinden, immer weniger essen, sich immer mehr in Zwängen verheddern, die ihr chaotisches Leben strukturieren sollen.

Dass es Verzeihen gibt, hat ihr niemand beigebracht

Eine brutale, karge Seelenlandschaft ist es, die Lize Spit da vor den Lesern erschafft. Eva ist scheinbar die stärkste der Familie, von Geburt an. Sie verinnerlicht das, wird immer mehr finden, dass sie alles zu schultern hat, was ihr geschieht. Sie weiss, dass sie sich schuldig macht, wenn sie etwa aus Eifersucht das Pferd der Freundin vergiftet oder – leidend unter der Last der Ticks der Schwester – diese quält. Sie weiss aber nicht, dass es auch Verzeihen gibt, verminderte Schuldfähigkeit und mildernde Umstände. Das hat Eva de Wolf in diesem Elternhaus niemand beigebracht.

Lize Spit nimmt sich Zeit, zuweilen ein wenig zu viel, um ihre Handlung zu entwickeln und die Zeitebenen motivisch immer ­näher ineinanderzuführen. Doch ihre Geschichte, konsequent aus Evas Sicht erzählt, steuert schleichend, stetig und konsequent auf ihren Höhepunkt zu, der den Leser am Ende sprachlos und überwältigt zurücklässt. Die Autorin konnte sich ihre Frische, ihre Unverbrauchtheit bewahren und sie hat – mit einem Drehbuchautor-Studium im Rücken – ein Gefühl für Szenarien, für Timing, für Schnitt. Und vor allem findet sie die passende Sprache: schnell, klar, schnörkellos und treffsicher, auch in der Übersetzung von Helga van Beuningen.

Valeria Heintges