ROMAN: Luther ringt mit dem Teufel

Der Luther-Roman des Deutschtürken Feridun Zaimoglu ist ein grandioser Sprach-Tsunami. Mit Bilderfülle und kraftvollem Rhythmus erinnert das Buch – an die Bibelübersetzung Luthers.

Heiko Strech
Merken
Drucken
Teilen
Der deutschtürkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu. (Bild: Mehmet Kaman/Getty (Berlin, 17. Februar 2016))

Der deutschtürkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu. (Bild: Mehmet Kaman/Getty (Berlin, 17. Februar 2016))

Heiko Strech

focus

@tagblatt.ch

Um Luthers theologisch-sprachliche Genieleistung geht es in diesem Roman auch. Genauer: um die Umstände, unter denen der Reformator in nur zehn Monaten das Neue Testament übersetzte. Inkognito als Junker Jörg auf der Wartburg bei Eisenach, Mai 1521 bis März 1522. Feridun Zaimoglu hat sich für seinen Luther eine ganz eigene Sprache geschaffen, ein raffiniertes Mittelalter-Kunstidiom. Das gelingt ihm so zwingend, dass man meint, man blicke Luther beim «Dolmetschen» der Bibel über die Schulter. Martin Luther (1483–1546) steht an einem überaus dramatischen Punkt seines Lebens. Der Rebell gegen die geistliche und weltliche Ordnung hat sich auf dem Reichstag zu Worms (17. April 1521) geweigert, seine «Ketzereien» zu widerrufen. Kaiser Karl V. tat ihn in Acht und Bann, machte ihn also vogelfrei: Mord an ihm also jederzeit gratis. Doch Kurfürst Friedrich von Sachsen nahm den tollkühnen Mann quasi in Schutzhaft auf die Wartburg.

«Mensch ist Mist, eine Ungeburt»

Dem muslimischen Luther-Fan Feridun Zaimoglu geht es nicht um die Verklärung des Helden der diesjährigen 500-Jahr-Feier aus Anlass von Luthers Thesen-Veröffentlichung 1517 in Wittenberg: «Ich habe mir vorgenommen, Schrecken und Schauder der damaligen Zeit zu beschreiben, um die Leistung dieses aufbrausenden Gottesmannes zu würdigen.» Wahrhaftig: Gewalt, brutaler Sex, Mord, öffentliche Folter und Henkersarbeit, Elend, Schmutz, Grobianismus, Hass, religiöser Wahn – wir erleben das volle Programm der Zeit. In Luther selbst bekämpfen einander Mittelalter und Neuzeit.

Da ringen Gottesglaube und Aberglaube zwillingshaft eng umklammert. Der reizbare Ex-Mönch spürt immer wieder den Teufel um sich herum. Zaimoglu lässt ihn klagen: «Mensch ist Mist. Mensch ist beflecktes Hurenkind, eine Ungeburt. Eine Drecksapotheke trägt der alte Feind am Buckel: Er hat allerlei Gifte gerührt, dass wir Sünde bekommen, dass wir’s Maul aufsperren und nicht zuklappen können, er bläst uns in den Schlund, und wir brennen und brechen. Das Böse in der Luft, in den Dämpfen, im Rauch, im widerlichen Dunst, es giert nach Weihgeschenken, es kommt als Schwarm von Fieberfliegen.»

In den Dialogen sprühen Funken und Humor

Zaimoglu fokussiert Luthers erbittertes Ringen mit seinen inneren Dämonen und äusseren Feinden immer wieder hinreissend auf die Streitereien mit dem (fiktiven) Landsknecht Burkhard, seiner Burgleibwache. Dieser, Ich-Erzähler des Romans, ist «ein gerauter Kerl», dabei frommer Katholik. Er hütet zwar zuverlässig den «Ketzer», ist aber oft sauer auf ihn. Dito Luther. Die Dialoge der beiden sprühen Funken, oft auch des Humors.

Doch in Luthers Homestory auf der Wartburg mit allen möglichen Alltagsepisoden samt Krankheit, Kampf mit der Sexualität, mit dem «Mannsstab» also, mit Verdauungsbeschwerden. Bei alledem vergisst Zaimoglu nicht, worum es ja zutiefst geht: Wie ein einzelner Mann sich heroisch gegen die Mächte seiner Zeit stellt. Wie er mit den Waffen seines überlegenen Intellekts, seiner Glaubensleidenschaft und seiner Sprachgewalt gegen das Vermittlungsmonopol der Kirche die Lehre von der direkten Beziehung Gott/Mensch verteidigt.

Eingearbeitet in die bewegte Handlung hat Zaimoglu ungemein authentisch wirkende, aber fiktive Briefe Luthers an seine Mitstreiter Melanchthon und Spalatin. Dort reflektiert er seine Herkulesarbeit als Reformator, das Ringen um das «Neu Testament Teutsch», samt Strategiefragen rund um die Reformation.

Mit dem Erstling «Kanak Sprak» (1995) hatte Zaimoglu bereits sein Talent als feinhöriger Sprachadapter bewiesen, damals für die deutschtürkische Untergrundkultur. Diesmal hat der Muslim das Luther-Deutsch hochkreativ variiert. Ein geistig funkelnder und überaus origineller Beitrag unter der Fülle von Neuerscheinungen zu Luthers 500-Jahr-Jubiläum. «Deutsch ist die Sprache meiner Seele», bekennt Zaimoglu, 1964 in Bolu (Türkei) geboren, inzwischen Autor von über zwanzig Büchern.