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ROMAN: Gehäufte Schuld

Die Thurgauer Schriftstellerin Andrea Gerster hat einen spannenden neuen Roman geschrieben – mit einem zwielichtigen Helden.
Bernadette Conrad
Die Thurgauer Schriftstellerin Andrea Gerster. (Bild: PD)

Die Thurgauer Schriftstellerin Andrea Gerster. (Bild: PD)

Alexander Steiner ist noch nicht alt, aber hat schon mehr Leichen im Keller, als ein Mensch üblicherweise verkraften kann. Als erfolgreicher Architekt hatte er bei einem grösseren Bauprojekt den Statiker eingespart und dies seinem Geschäftspartner verheimlicht. Das Dach war eingestürzt und hatte einen Bauarbeiter unter sich begraben. Steiners Geschäftspartner Berger hatte sich daraufhin umgebracht.

Und nun die Sache mit Margarete Palladio. Die Frau mit dem schönen Namen war plötzlich auf die Strasse getreten, und Steiner hatte seinen Jaguar nicht mehr zur Seite lenken können: Unfall mit Todesfolge. Dass er nicht einmal aus dem Wagen stieg, um nach ihr zu schauen, findet sogar seine Anwältin abstossend. Ja, dieser Steiner ist einer, bei dem einem kalt ums Herz wird. Mutig hat Autorin Andrea Gerster hier einen Helden erschaffen, den man eigentlich nicht genauer kennen lernen möchte und der einem doch gar nicht unrealistisch vorkommt: mit seiner hartnäckigen Weigerung, sich irgendwelche tiefergehenden Gedanken über sich selbst zu machen. Darunter hat besonders seine Exfrau Nelli gelitten, die auch noch Psychologin war.

Irritierender Absturz des Antihelden

Die Ehe ist schon eine Weile vorbei, als es nach dem Gerichtstermin steil bergab geht mit Steiners Glück. Von allen Seiten kommen Geldforderungen, dafür keine Aufträge mehr. Erst muss er die Wohnung verkaufen und schliesslich den Jaguar. Einmal versucht Steiner noch, andernorts beruflich Fuss zu fassen, aber bald schon wird aus «Alex» im Berliner Architektenbüro «Ale», der Flaschen sammelt und auf der Strasse lebt. Nelli erfährt davon und merkt, dass sie «noch nicht fertig» ist mit ihm – sie begibt sich in Berlin auf die Suche. «Wenn sie Alexander finden wollte, musste sie den Blick senken... Sie versuchte den Obdachlosen ins Gesicht zu blicken, forschte hinter jedem Bart und unter jeder langen Mähne nach ihm... Sie wollte nicht nur mit Alexander reden, sondern auch ein Kind von ihm. Er war es ihr schuldig. Sie würde ihm auseinandersetzen, warum er auf der Strasse lebte. Er würde endlich die ganzen Zusammenhänge begreifen.»

Warum wird einer ein skrupelloser Egozentriker?

Nelli hat eine Katastrophe aus Steiners früher Kindheit in Erfahrung gebracht, von der er selbst nichts weiss. Aber ist sie deshalb auch die Richtige, um sein Leben wieder in Ordnung zu bringen? Packend entwirft Andrea Gerster diese Geschichte um die Identitätsverstörung eines skrupellosen Egozentrikers. Die Achterbahnfahrt von Steiners Leben berührt: Denn mit dieser «Täterfigur» klingt ja das grosse Thema des Bösen an – wie wird jemand so, dass er Schuld anhäufen und scheinbar mühelos zur Seite schieben kann? Kann Kindheit hier etwas erklären – oder gar entschuldigen?

Indem der Fokus der Geschichte aber irgendwann ganz zu Nelli hinüberwandert, ändern sich die Themen. Fragen bleiben unbeantwortet. In der Leserin entsteht das Gefühl, es plötzlich mit zu viel Stoff zu tun zu haben. Der grossen und auch ernsten, sprachlich souveränen Anlage des Buches wird seine zweite Hälfte nicht mehr gerecht; was grösser gemeint schien, wird nach 183 Seiten zu einem zu raschen Ende geführt. Gern würde man mehr erfahren über Alexander, diese beklemmende Figur und ihr psychologisches Drama. Es hilft nichts – Andrea Gerster sollte diesem spannenden Roman eine Fortsetzung geben.

Bernadette Conrad

Andrea Gerster: Alex und Nelli, Lenos, 180 S., Fr. 26.–

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