ROMAN: Entertainer im Kriegshorror

Starautor Daniel Kehlmann wählt für Till Eulenspiegel einen speziellen historischen Hintergrund. Auch andere Figuren jener Zeit tauchen auf. Das ist oft atemberaubend gut.

Arno Renggli
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Verlegt den Eulenspiegel-Stoff in den 30-jährigen Krieg: Daniel Kehlmann. (Bild: PD)

Verlegt den Eulenspiegel-Stoff in den 30-jährigen Krieg: Daniel Kehlmann. (Bild: PD)

Arno Renggli

Dazu gehört gleich das erste Kapitel, welches eine bekannte Episode berichtet aus dem Leben von Till Eulenspiegel (oder Tyll Ulenspiegel, wie der Autor eine der historischen Schreibweisen verwendet): Der berühmte Vagant, Narr und Entertainer zeigt in einem kleinen Dorf seine Show, welche im Seiltanz zwischen den Häusern gipfelt. Nur dass Till die Zuschauer dann dazu bringt, jeweils ihren rechten Schuh zu einem grossen Haufen zusammenzuwerfen. (In populären Versionen des Stoffes nimmt er die Schuhe sogar mit aufs Seil.) Anschliessend verspottet er die Leute und fordert sie auf, sich die Schuhe wiederzuholen. Was zu einer Riesenschlägerei mit übelsten Verletzungen führt.

Kehlmann erzählt das in einer mitreissenden Art, die klarmacht, weshalb er vor allem dank seinem Roman «Die Vermessenheit der Welt» zu den grossen deutschsprachigen Autoren der Gegenwart zählt. Dabei schreibt er ohne Effekthaschereien, eher lakonisch, oft mit ironischen Untertönen. Wobei es ihm trotzdem gelingt, den Figuren Empathie und Mitgefühl entgegenzubringen.

Flächendeckende Grausamkeit des Krieges

Der Autor verlegt Tills Leben kühn in den 30-jährigen Krieg (1618–1648). Historisch gesehen datiert man die Figur viel früher, nämlich ins 14. Jahrhundert. Kehlmann macht keinen Hehl aus den Grausamkeiten, die in diesem schier endlosen und flächendeckenden Konflikt bei Schlachten und vor allem gegenüber der Zivilbevölkerung geschehen.

Tills «Karriere» geschieht aufgrund seiner Talente, aber vor allem aus der Not heraus. Als Teenager flüchtet er mit seiner Gefährtin Nele, die ihn dann lange auch künstlerisch begleiten wird, aus seinem bigotten Heimatdorf. Er erfährt Missbrauch und andere Gewalt, die Kunst wird zum Mittel zu überleben, sich zu wehren gegen die Starken und Mächtigen.

In einigen der acht Kapitel ist Till indes nicht die Hauptfigur, sondern taucht nur episodisch auf. Ein anderer Schwerpunkt etwa gilt dem «Winterkönig»: Gemeint ist der unglückliche pfälzische Kurfürst, der sich von den Protestanten die böhmische Königskrone aufdrängen liess und den Kaiser brüskierte, womit er im Grunde den 30-jährigen Krieg auslöste. Als Friedrich I. regierte er quasi nur einen Winter lang, daher der Spitzname. Nun versucht er verzweifelt, materielle und militärische Hilfe von seinen eigentlichen Verbündeten zu kriegen. Eine Romanepisode zeigt ihn beim schwedischen Regenten Gustav II. Adolf, der alle Schlachten gewinnt und den «Winterkönig» aalglatt abserviert.

Sogar Topwissenschafter glauben an Hexenkunst

Andere Romanteile handeln von dessen Frau, keine Geringere als Elisabeth Stuart, Prinzessin von England und Schottland sowie Nachfahrin der berühmten Maria Stuart. Sie hatte mit ihrer Heirat schlicht Pech und versucht nun zu retten, was zu retten ist.

Nicht immer sind diese Episoden leicht zugänglich, da sie gewisse historische Kenntnisse voraussetzen. Auch das relativ lange Kapitel über Tills Jugend hat sperrige Stellen, wobei es den psychologischen Hintergrund der Figur liefert. Und vor allem zeigt, wie damals Aberglauben etwa gegenüber angeblicher Hexenkunst sogar bei den wissenschaftlichen Topleuten gängig war. Mit fürchterlichen Konsequenzen für diejenigen Menschen, die ins Visier der Hetzer geraten.

Daniel Kehlmanns Roman nützt die Möglichkeiten der Fiktion erzählerisch brillant, wird aber dem gewählten historischen Hintergrund dennoch gerecht. Auch in menschlicher Hinsicht.

Hinweis

Daniel Kehlmann: Tyll.

Rowohlt, 474 S., Fr. 32.–.