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ROMAN: Ein Phlegma wird zum «Sex-Imbiss»

Wilhelm Genazinos Antihelden sind charmante, grobe Misanthropen. Sein neues Buch funkelt mit grandiosen Bonmots, leidet aber an erzwungenem Psycho-Tiefsinn.
Hansruedi Kugler

«Nach dem Fernsehen wollte ­Sibylle beischlafen, so dass ich dann und wann das Gefühl hatte, ich sei ein Teil des Fernsehprogramms geworden.» Wer solche Sätze denkt, dem muss man ­einfach dankbar sein für das pure ­Lesevergnügen. Ja, in diesem Roman lacht man oft. Um gleich darauf deprimiert zu lesen: «Wenn auch der Beischlaf gesendet war, küsste mich Sibylle liebevoll und mütterlich und ging hinüber in ihr Bett.» Lakonie geht übergangslos in Trostlosigkeit über. Der arbeitslose Taugenichts, Einzelgänger und Herumstreuner wird von der Ex-Frau als «Sex-Imbiss» benutzt. Das ist nicht mal böse gemeint. Denn dieser Ex-Mann betrachtet sein Leben zunächst vollkommen unsentimental bis sarkastisch: Am Strassenfest betrachtet er eine Pop-Gruppe, die vergeblich versucht, «ausserordentliche Augenblicke zustande zu kriegen». Eine Hose zu kaufen überfordert ihn, der schon als Kind «mit meinen Kleidungsstücken verwachsen war wie ein junges Känguru mit seinem Beutel.» So wunderbare Bonmots produziert Genazino zuhauf. Kommt erfreulich hinzu: Der Phlegmatiker bringt seine Gefährtinnen, die ihm das Leben zuspült, ohne dass er etwas dafür tut, immer wieder zum Lachen. Etwa wenn er mit entwaffnender Ehrlichkeit einen Vorwurf ­pariert: «Ich lege mir nie etwas zurecht, ich sage immer nur, was mir im Augenblick einfällt.»

Zu oft redet der Erzähler wie zum Psychotherapeuten

Das funktioniert bestens – bis er seinen Frauen und uns Lesern auf den Wecker geht, weil er bei jeder Gelegenheit an Mutti und Vati denken muss. Schliesslich ist der arme Kerl schon 60 Jahre alt. Die Mutter war depressiv, der Vater ein erfolgloser Fantast und Erfinder; zwei, die in stillem Unglück nebeneinander her lebten und «die noch aus der Nazizeit gewohnt waren, im Schweigen zu leben». Da redet der Erzähler dann wie zum Psychotherapeuten: Von der Mutter habe er «das Gefühl der Unwissenheit und der Ödnis geerbt», die Scheu vor dem Leben von seinem Vater. Dieses plausible Elterntrauma, die in Anbetracht des Alters des Erzählers aber etwas lächerlich wirkende Verankerung seiner Existenz als Taugenichts ist eine Schwäche und eine Stärke des Romans. Er verortet damit sein Herumstreunen und seine Ratlosigkeit, raubt diesem aber alles Geheimnis. Das Geheimnis, das dem Leser die Brücke zu eigener Lebenserfahrung öffnen könnte. Genazino macht seinen Erzähler zu sehr zum therapeutischen Einzelfall. Das ist schade, weil die Ratlosigkeit dieses Erzählers, sein Zweifeln und Zögern, sein Leben im unauflösbaren Widerspruch, gnadenlos und trotzdem spielerisch eine Zeitdiagnose beinhaltet. Und abgesehen vom Elterntrauma legt Genazino zum Glück seine Figur nicht fest: Müssiggänger, Misanthrop, Zyniker, Muttersöhnchen – von allem ist etwas drin, was auch im Leser ein Echo findet. Was seine Figur so sympathisch macht? Ein Stück weit Beckett’sche Absurdität, ein Stück Zeitkritik und Männerpsychologie. Zielstrebigkeit wird bei den Nebenfiguren als Verzweiflung und Hysterie vorgeführt. Sie bringen sich um oder bekommen Brustkrebs. Vor allem aber: Die Antriebslosigkeit des Erzählers ignoriert die Forderungen unserer betriebsamen Zeit. Zielstrebigkeit, Geselligkeit, Fröhlichkeit? Genazinos Antihelden sind ein Gegenentwurf. Man liest dies entlastend und mit Vergnügen.

Hansruedi Kugler

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