ROMAN: Allein, wie wir immer waren

Die schwedische Autorin Sara Stridsberg hat in einem Roman der berühmten schwedischen Psychiatrieklinik Beckomberga ein Denkmal gesetzt.

Bernadette Conrad
Drucken
Teilen

Bernadette Conrad

focus

@tagblatt.ch

Als Jackie 13 ist, zieht ihr Vater von zuhause aus. Am Telefon sagt er ihr, dass er krank sei. «Was für eine Krankheit hast du denn?», fragt sie ihn und er antwortet: «Meine Flügel sind zu gross geworden, ich kann nicht mehr fliegen.» – «Was bedeutet das?» – «Ich weiss es auch nicht richtig, ich muss den Arzt fragen, wenn er kommt, aber ich werde wohl eine Weile hierbleiben.» Sie sind ähnlich, die Dialoge, die Jackie in den folgenden Jahren mit ihrem Vater führt, der sich in die traditionsreiche psychiatrische Klinik Beckomberga nahe Stockholm hat einweisen lassen: Nie weiss er irgendetwas mit Sicherheit. Auf keine Frage gibt es eine klare Antwort. Das einzig Sichere scheint seine anhaltende Lebensmüdigkeit und ein ständiges Liebäugeln mit dem Suizid zu sein.

Dabei ist Jim ist eigentlich kein Kind von Traurigkeit – zumindest scheint es nicht so. Menschen lieben ihn; immer wieder sieht Jackie ihn bei ihren häufigen Besuchen «Hof halten» mit Patienten und Ärzten in den schönen Gartenanlagen der Klinik. Und Jims eigenwilliger Arzt nimmt ihn abends sogar zusammen mit anderen Patienten raus in die Stadt – ein bisschen Tapetenwechsel tue gut –, und: Sind wir da draussen denn wirklich gesünder als die sogenannten Kranken?

So, als schlüge noch immer das Herz einer Klinik

Die Geschichte von Jackie, die nach und nach selbst eine Art Zuhause in Beckomberga findet, spielt in den 1980er-Jahren. Eine ganz normale Geschichte: Lone, die Mutter, hatte Jim gebeten, auszuziehen. Zu viel Alkohol, zu viel unstetes Leben, zu viel für Lone. Für Jackie zu viele unlösbare Fragen – aber das wird ihr erst im Rückblick klar, als sie sich viele Jahre später, als alleinerziehende Mutter eines Sohnes, an diese Zeit erinnert. An die Gespräche mit dem Vater, seine auf der Stelle tretende Traurigkeit und seine Unfähigkeit, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Die Klinik Beckomberga, 1932 als eine der grössten und modernsten gegründet, mit vielen fortschrittlichen Ideen und Idealen für den Umgang mit geistig und seelisch kranken Menschen, schloss 1995 ihre Tore für immer. Jackie erzählt von einem Bewohner, der 63 Jahre in der Anstalt lebte – und sich nach der Schliessung das Leben nahm. «Angeblich kehren nach wie vor ehemalige Patienten in den Glockenhauspark bei Beckomberga zurück, man sagt, sie würden unter den Bäumen stehen, die Hände gegen die verblichene Fassade gepresst. Als schlüge dort drinnen noch immer das Herz einer Institution, ein schwacher Puls unter meiner Hand, wenn ich die gedämpfte blutrote Farbe der Fassade berühre.» Und: «Es sind die Schatten und Stimmen all derer, die einmal hier waren, sie bewegen sich dort drinnen auf und ab wie Vögel im Käfig, und wenn ich die Augen schliesse, sehe ich mich selbst und Jim, wie wir zusammengekauert ganz oben unter der Klinikglocke auf seinem fusseligen Wintermantel schlafen. Wir sind allein auf der Welt, wie wir es immer waren, allein mit seinem Unglück.» Dass der Roman der 45-jährigen Autorin Sara Stridsberg aus vielen einzelnen Passagen gebaut ist, lässt viel Platz für die Einsamkeit der Figuren und das Rätselhafte der Geschichte. Berührend erzählt der Roman von der schweren Last, die die Lebenstraurigkeit eines so auf sich bezogenen Vaters für ein Kind bedeutet. Jackie schleppt sie als Erwachsene weiter durchs Leben – ganz ohne Wut, wie es scheint. Zugleich erscheint die grosse menschliche Bandbreite, die sie in Beckomberga kennenlernte, als Reichtum, den sie nicht missen möchte.

Aktuelle Nachrichten