Rolf Lyssy ist zurück: In «Eden für jeden» nimmt er das Zusammenleben im Schrebergarten auf die Schippe

Rolf Lyssy ist zurück: In «Eden für jeden» nimmt er das Zusammenleben im Schrebergarten auf die Schippe

Hintere Reihe: Marc Sway, Regisseur Rolf Lyssy, Pablo Aguilar. Vordere Reihe: Suly Röthlisberger, Steffi Friis, Heidi Diggelmann.Bild: SRF/Pascal Mora

Er ist der erfolgreichste Filmregisseur der Schweiz. Mit 84 bekommt Rolf Lyssy am Zurich Film Festival den Preis für sein Lebenswerk – hoch verdient, reichlich spät. Eine Würdigung.

Max Dohner
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Scharf nachdenken. Wie viele Filmkomödien fallen Ihnen ein, die sich hierzulande ein grosses Publikum holten und die Schöpfer als Meister etablierten? Komödien, die den Namen verdienten, in den letzten fünfzig Jahren. Bitte nicht zu berücksichtigen das krampfartige Spassauspressen, genannt Comedy, das uns heute den Magen verdirbt. Nein, erwachsene Komödie! Und nein, Rolf Lyssy nicht eingerechnet.

«HD-Soldat Läppli» entstand 1959; damals war Lyssy Kameraassistent gewesen für Alfred Rasser.

Noch länger ist es her seit Leopold Lindtbergs «Missbrauchten Liebesbriefen». Die Verfilmung von Kellers Novelle erhielt 1940 eine Zusatzpointe: An den Internationalen Festspielen Venedig gewann der Film die Coppa Mussolini. Heute können immerhin Bettina Oberli, Petra Volpe, Sabine Boss und Michael Steiner genannt werden (siehe Box).

Die heutige Generation

Eröffnet wurde das Zurich Film Festival diese Woche mit einer Schweizer Komödie. Einer Tragikomödie. «Wanda, mein Wunder» von Bettina Oberli dreht sich um eine polnische Pflegerin im Haushalt einer schwerreichen Schweizer Familie, die den erkrankten Vater nicht ins Pflegeheim schicken will, sondern von ihr zu Hause pflegen lässt. Doch der Alte verhält sich anders als erwartet, und es kommt zu starken Turbulenzen im guten Haus. Nach den «Herbstzeitlosen» von 2006 ist Oberli erneut ein toller Wurf gelungen.

Vor zwei Jahren brachte «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» von Michael Steiner die Schweizer zum Lachen. Die Schweizer Komödienlandschaft gehört aber eher den Frauen. Allen voran Petra Volpe, der 2017 mit «Die göttliche Ordnung» eine Komödie mit gut sitzenden Pointen über das Drama des Frauenstimmrechts in der Schweiz der 1970ern gelang.

Auch zu nennen ist Sabine Boss mit ihrem Publikumshit «Ernstfall in Havanna» von 2002 und ihrer toll gemachten Verfilmung von Pedro Lenz’ «Der Goalie bin ig» von 2014. Keiner Komödie im engeren Sinn zwar, aber mit viel Humor. (dfu)

Die Komödie ist aufklärerischer als die Tragödie

Aber gerade nach 1968? Die Studenten wollten «mit den Arbeitern reden!» Ihnen war es ernst. Dummerweise hatten jene keinen Humor für die Revolution. Im Grunde eine waschechte Groteske. Warum stellte kein Satiriker das einmal dar? Genau so – Klassenkampf als Komödie, Eisenstein geteilt durch Chaplin. Dafür konnte man damals in der halben Welt erschossen werden, richtig. Aber das war nicht der Grund, weswegen niemand zu lachen wagte.

Jede Tendenz in jeder Sparte macht spröd und feig. Tendenz, Gesinnung, Absicht – «und man ist verstimmt» (Goethe) – sind und bleiben furztrockene Winde. Dergleichen bläst uns wieder entgegen als moralistische Verspiesserung der Kunst und der Sitten. Gutgemeintes ist Atem aus der Wüste, ein guter Witz Lebensquell.

Zu aller Zeit wirkte die Komödie aufklärerischer als die Tragödie, sprach der Hofnarr, nicht der Hoflehrer die Wahrheit aus. Beides indes gehört zur Natur der Sache und als Spiellarve darum auf denselben Kopf. Das deutsche Kultur-Herrenwesen – bis dato intakt, ja aufgefrischt dank Frauenbeteiligung – ist dafür weiterhin blind (mit Ausnahme Wiens). Und darum zählt der Orden der Triefbetroffenen die Komödianten auch heute noch profan zum «Kindergarten» (Woody Allen).

Rolf Lyssy könnte ein Lied davon singen (wenn schon, würde er es swingen; mit einer Swing-Combo stand er 14 Jahre auf der Bühne der – inzwischen umgebauten – Bar des Hotels Eden). Lyssy klagt aber nicht über die Geringschätzung seines Fachs, trägt auch niemandem einen Dünkel nach. Klönen, höhnen, grollen, ätzen – alles Toxische hält Lyssy generell fern von sich. Was nicht heisst, er erinnere sich unpräzis.

Rolf Lyssy: «Ich mache ohnehin weiter, mit oder ohne Preis.»

Rolf Lyssy: «Ich mache ohnehin weiter, mit oder ohne Preis.»

Bild: SRF/Pascal Mora

Den Namen etwa eines Filmkritikers könnte er sofort nennen, der in einem flotten Schlenker eine Szene der «Letzten Pointe» abgefertigt hatte. Er nennt die Jahre, die er verlor mit dem Türklinke-Putzen bei allen möglichen Geldgebern für seine Filme: sieben Jahre bis zur lebensgefährdenden Depression, die sich Lyssy unter anderem deswegen eingehandelt hatte; nochmals sieben Jahre seither («Die letzte Pointe», beim Publikum ungemein erfolgreich, Lyssys grosse Bestätigung, lehnte die Filmkommission des Bundes zweimal ab).

Alles war politisch, nur das Lachen nicht

Lyssy erinnert sich an «die langen Gesichter» von Kollegen an den Solothurner Filmtagen 1978. Damals zeitkonform übte auch er «unkonformistische» Schweiz-Kritik, wider alle Usanzen aber mit leichter Muse. «Die Schweizermacher» sprengten alle «anständigen» Erfolgsparameter und setzen bis heute die Höchstmarke. In den Siebzigern war «alles irgendwie politisch», nur eines nicht: lachen. Lyssy sagt:

«Das Grundproblem ist die Mittelmässigkeit, womit man sich in unserem Land zufriedengibt.»
Rolf LyssySchweizer Drehbuchautor

Rolf Lyssy
Schweizer Drehbuchautor

Bild: Keystone

Da Lyssy nun in Zürich geehrt wird, mit Retrospektive und Gala (siehe Kasten), hoch verdient, reichlich spät – wird da nicht ein Stockzahngrinsen sein Lächeln umspielen? Die Stadt, wo für niemanden sonst wie für Lyssy gilt: «Hic Zürich, hic mache ich Film!», verlieh ihm 1975 den Filmpreis für «Konfrontation»; 2012 bekam er den «Ehrenquarz» beim Schweizer Filmpreis. Lyssy hatte Freude daran – «logisch!» – er dachte aber auch: «Ich mache ohnehin weiter, mit oder ohne Preis.»

Ohne den neuen Chef beim Zurich Film Festival, Christian Jungen, hätte es für Lyssy wohl auch 2020 keinen Career Award gegeben. Jungen hat sich ein – sorry fürs Wortspiel – jungenhaftes Vergnügen an Filmen bewahrt, die Komponenten ausspielen, die im Begriff «grosses Kino» stecken.

Zehn Filme als Retrospektive

In einer grossen Retrospektive zeigt das ZFF fünf Spielfilme von Rolf Lyssy und dazu fünf Dokumentarfilme. Es handelt sich um folgende:

Spielfilme:
-Konfrontation (1974)
-Die Schweizermacher (1978)
-Teddy Bär (1983)
-Leo Sonnyboy (1989)
-Die letzte Pointe (2017)

Dokumentarfilme:
-Vita parcoeur (1972)
-Ein Trommler in der Wüste (1992)
-Schreiben gegen den Tod (2002)
-Hard(ys) Life (2009)
-Ursula – Leben in Anderswo (2011)

Sind die Lyssy-Festspiele also auch Satisfaktion? Gönnt er sich insgeheim das Gefühl, mit seiner künstlerischen Sturheit recht gehabt, letzten Endes sein Leben als Werk vollendet zu haben?

«Es ist ganz einfach», antwortet Lyssy und schweift ab oder büxt aus. In Bezug auf das Leben erwähnt Lyssy zwei Dinge, die er nicht mehr erleben kann beziehungsweise erleben will: Die Seegfrörni 1963, die unsere Enkel kaum nochmals erleben werden. Und den Coronalockdown: «In gewisser Weise», sagt Lyssy, «hat er mir gefallen. Die leere Stadt, der aufs Innere, aufs Haus zurückgeworfene Zustand …»

Dem folgt in Bezug auf sein Lebenswerk eine längere Betrachtung, wie man Werke beurteilen soll gegenüber ihren Schöpfern. Nicht indirekt oder gar hintenrum, sondern von Angesicht zu Angesicht. Wo beginnt das Vertrauen in eine Person, die ein Werk beurteilt, wo endet es? Daran schliesst sich ein Exkurs an über Woody Allen – «mein Spiegelbild».

Das Interview mit Allen, das uns Lyssy empfahl, schauten wir zu Hause an, und es wurde klar: Ein Spiegel ist sicher der, als Filmemacher genau zu wissen, was man tut, und nur das zu tun, was man im Kopf hat. Unabhängig von Geldgebern, frei auch von Erfolg oder Flop. Woody Allen sagt:

«Am liebsten hätte ich es, wenn mir die Banker einen Papiersack aushändigen voller Geld. Dann lassen sie nichts mehr von sich hören, bis ich ihnen die Kassette bringe mit dem fertigen Film.»
Woody AllenStarregisseur

Woody Allen
Starregisseur

Bild: Keystone

Letztlich setzte sich Rolf Lyssy durch

So etwas war indes nur Spiegelbild, nicht Lyssys Realität. Wenn er auch Jahre verlor mit der Suche nach einem Papiersack voller Scheine, wenn er auch, über achtzig und mit seinem Palmarès, noch immer ringen musste mit einer Reihe von Leuten über das Casting, das Drehbuch bis zum Untertitel seines neuen Films «Eden für jeden» – letztlich hielt er sich ans «Spiegelbild», letztlich setzte er sich durch.

Das alles lässt vermuten: Lyssy macht nicht bloss weiter, er ist wahrscheinlich längst wieder dran. Woran genau? «Ach!», sagt Lyssy: «Das habe ich vergessen, ihm genau zu sagen». Er meint den Kellner im «Terrasse», wo wir uns zum Gespräch trafen. «Ein wirklicher Hotspot», sagt Lyssy, «hier begegnete ich zum ersten Mal Dominik Bernet, meinem Drehbuchschreiber.» Hier trifft er in schöner Regelmässigkeit Freundinnen und Freunde. Wollte er vorhin ablenken mit dem Espresso lungo, gewünscht in einer Tasse, «senza latte»?

Man müsste einen Film über den Mann drehen

Lyssy treibt mit Menschen keine Spielchen, nicht einmal zum Schein. Seine Ironie ist nicht romantisch, sondern charakteristisch, lyssyisch. Für die Romantiker war Ironie ein Spiel mit der Wirklichkeit, im Lauf ihrer Experimente nur noch Spiel, betont artistisch. Lyssys Ironie ist komödiantisch, also human; nicht der Einzelne wird «dekomponiert», sondern die Netze, in denen die Person verstrickt ist, bis sie sich befreit.

Lyssy selbst ist das gelungen. Dank seiner Art, vielleicht auch dank den Filmen. Der Mann hat wirklich Swing. Ausgeglichen, zugänglich, beherrscht im Ton ist er seit Jahren, auch dort, wo er heftig wird, «altersweise» lange schon vor seinen 84 Jahren. Sein Element sei Melancholie, sagt er. Im Umgang mit Menschen indes zeigt sich seine Serenität. Er musste sich gegen den Abgrund stemmen, rettete sich selbst vor dem Dunkel in die Psychiatrie. Danach stellte er Dinge um und lebt seit zwanzig Jahren sein «Leben B».

B wie beneidenswert. Neid, weich wie ein Fell, um ihn zu umhüllen. Man müsste dringend einen Film drehen über den Mann.

«Eden für jeden» – ein klassischer Lyssy

Szene aus dem Film «Eden für jeden» von Rolf Lyssy. Premiere ist am 28. September in Zürich. Bild: Ascot Elite

Szene aus dem Film «Eden für jeden» von Rolf Lyssy. Premiere ist am 28. September in Zürich. Bild: Ascot Elite

Rolf Lyssys fast grössere Freude als die am «Career Achievement Award» des Zurich Film Festival (ZFF) geht dahin: Er kann, anlässlich einer Gala, da seinen neuen Film vorstellen, «Eden für jeden». Produziert vom Schweizer Fernsehen, kommt der Film dank einem Verleiher zunächst in die Kinos. Und setzt sozusagen Lyssys «Letzte Pointe» fort, in der Familiarität der Figuren, vor allem aber atmosphärisch.

Der Film beruht auf einem TV-Dok über Schrebergärten. Wieder tauchen Probleme auf rund um einen Gemeinschaftsgrill; das Gezerre um die Familiengarten-Ordnung spiegelt politische Spielchen im Grossen. Dazu fügen Lyssy und sein Drehbuchautor Dominik Bernet ein Familiendrama, eingebettet in die Multikulti-Gesellschaft der Schrebergärten, diese eigentümlich geerdete Comédie humaine.

Lyssys Qualität beruht darauf, die Balance zu halten zwischen zu scharfer und zu milder Anschauung der Dinge. Sein Augenmass ist Menschenmass – auch hier. Zu schroff oder gar tragisch wird das «Familiendrama» nie. Wirklich böse ist niemand, wirklich gut ist jeder nur mit Schwächen. Konflikte sind lösbar, auch über religiöse Gräben hinweg, mit gutem Willen aller. Diese Möglichkeit hat die Gemeinschaft – Lyssy zeigt es in allen seinen Filmen.

Was ist besonders in «Eden für jeden»? Zunächst zwei Augen, wirklich sprechende Augen. Die Blicke der jungen Steffi Friis in der Hauptrolle der Nelly. Dann Marc Sways Stimme. In der Rolle des Muntermachers Paolo im Schrebergarten setzt er geschmeidig schauspielerische Akzente, als Sänger grundiert er die Stimmung. Musikkenner Lyssy achtet darauf, dass nur gute Stücke erklingen; das Schlagerliedchen «Hemmigslos Liebe» wirkt darum hereingerutscht.

Wie fein Lyssy die Linie wahrt, zeigt sich im Detail. Die Zimmertapete von Nelly hat das gleiche Palmenmuster wie Paolos Hemd – eine Liebesgeschichte scheint vorgezeichnet. Ohne dass sie manifest würde, sie bleibt in der Schwebe. Die Temperamente von Nelly und Paolo wären auch zu verschieden, das Körpervolumen sowieso.

Nichts ist aufdringlich. Etwas aufgesetzt wirkt lediglich die Szene mit Nellys Ausbruch am Grab ihrer Mutter; sie aufzufangen mit Selbstironie glückt nur halbwegs. Es streifen uns wunderbare Aperçus. So zeigt ein Gartenzwerg, als im Vorspann der Name des Regisseurs auftaucht, den Stinkefinger. Tief geht die scheinbar harmlose Totale am Schluss. Die Kameradrohne schwebt über den Schrebergarten hinaus, in unmittelbarer Nachbarschaft sichtbar wird der Friedhof – «Eden» liegt diesseits. Vom Wissen um die nahe Kälte aller Dinge be-zieht Lyssy seine Sorgfalt für alles Warme, Lebendige. (mad.)