Rock
Ellis Mano Band: In der Schweiz verschmäht, im Ausland gefeiert

Kein grosses Schweizer Label wollte die Ellis Mano Band unter Vertrag nehmen. Die helvetische Ignoranz erweist sich rückblickend als Glücksfall. Jetzt wird das Quartett von der internationalen Fachpresse gefeiert.

Stefan Künzli
Merken
Drucken
Teilen
Ellis Mano Band

Ellis Mano Band

Pascal Berger

«Das Album ist einfach brillant», schreibt das britische Rock-Magazin «Velvet Thunder» über «Ambedo», den Zweitling der Ellis Mano Band. «Nach mehrmaligem Anhören muss ich sagen, dass dies eines der anspruchsvollsten, ausgefeiltesten Alben des Jahres 2021 ist», lesen wir im spanischen Magazin «This Is Rock». Auch in Deutschland ist man begeistert. «Classic Rock», das grösste deutsche Rockmagazin, empfiehlt «Ambedo» seinen Lesern ausdrücklich.

Das Echo auf «Ambedo» und die Ellis Mano Band ist überwältigend. Vor allem im Mutterland des Pop, in England, ist man hingerissen. In der Juni-Ausgabe von «Blues In Britain» ziert die Schweizer Band sogar das Cover, und bei «Great Music Stories» wurde «Ambedo» zur Platte des Monats gewählt.

Das Musikvideo zu «Keep it simple» von Ellis Mano Band.

youtube

In der Schweiz reibt man sich die Augen: Man mag sich nicht erinnern, dass eine Schweizer Band in der kritischen britischen Fachpresse so überschwänglich gefeiert wurde. «Schon mehr als 25 Interviews haben wir britischen Radios gegeben. Wir können fast nicht glauben, was sie über uns sagen», sagt Gitarrist Edis Mano. Selbst die BBC ist inzwischen auf die Band der vier wackeren Schweizer aufmerksam geworden und hat Mano und Sänger Chris Ellis zum Gespräch geladen.

Aber wer steckt überhaupt hinter dieser Band? Severin Graf ist einer der gefragtesten Bassisten des Landes (Tim Freitag, James Gruntz, Marc Sway, Dodo, Adi Stern, Kunz). Hinter dem Schlagzeug sitzt das erfahrene Schlachtross Nico Looser, 59, der über die Jahre in unzähligen Bands (Betty Legler, Michael von der Heide, Baschi, Nek, Max Mutzke) den Takt angegeben hat und heute an der Zürcher Hochschule der Künste lehrt. Gestandene Profis.

Das Herz der Band bilden Gitarrist Edis Mano, 42, und Sänger Chris Ellis, 48, die die Songs komponieren. Mano ist der Motor und Visionär der Band, der sich zunächst als Tontechniker (Baschi, James Gruntz, Luca Hänni) einen Namen machte, bevor die Gitarre bei Mundartsänger Kunz zu seinem zweiten Standbein wurde. Chris Ellis verdient seinen Lebensunterhalt mit Unterrichten und seit 20 Jahren als Sänger der A-cappella-Formation «A-live».

Die Ellis Mano Band ist das erklärte Lieblingsprojekt der vier Musiker. Die Band, in der sie jene Musik spielen, die sie am meisten lieben. Eine Musik, die von grossem Respekt gegenüber den amerikanischen Musiktraditionen geprägt ist. Rock mit einer bluesigen Grundierung. «Ein köstliches Rock-Blues-Jazz-Soul-Soufflé», wie es ­«Great Music Stories» formuliert. Da ist nichts fundamental Neues, kein Auto-Tuning, kein technischer Schnickschnack – nur Qualität: das Beste aus der Schatzkiste der Musikgeschichte. «Die elegantesten und farbenprächtigsten Facetten der Rockmusik werden nie aufhören zu verzaubern», schreibt «This Is Rock». Und «Blues In Britain» ergänzt:

«Es sind Songs, die die Anziehungskraft von Rock und Blues auf ein neues Publikum erweitern können.»

Kreativitätsschub in der Coronapause

Zum Vergleich werden legendäre Bands wie Dire Straits oder Toto herangezogen. Doch er greift zu kurz. Es gibt Referenzen, der Sound wirkt vertraut, aber die Band hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Identität. «Reflektieren und absorbieren hat selten so gut geklungen», schreibt das britische Rock-Magazin «Powerplay». Die Band macht keine Hitparadenmusik, folgt keinem imaginären Hype oder kurzfristigen Moden. «Wir schauen nicht, was gerade angesagt ist. Wir machen einfach unser Ding», sagt Ellis.

«The Question»: Mit einem Gastauftritt des australischen Hammond-Zauberers Lachy Doley, der heute in der Band von Roger Waters spielt.

youtube

Die internationale Perspektive ist für eine Band wie Ellis Mano unerlässlich. Dieses internationale Format hat die Band im Überfluss, und Sänger Chris Ellis ist sogar Weltklasse. Die Fachpresse vergleicht ihn mal mit Deep-Purple-Sänger Ian Gillan, mal mit dem Schmirgelorgan von Joe Cocker. Aber da ist noch mehr: In «Keep It Simple» lässt er in der Strophe seinen Bariton brummen wie Chris Rea, in «Ambedo Mind» wechselt er in den schönsten Falsett, in «The Fight For Peace» beweist er Crooner-Fähigkeiten und schmachtet in «Breakfast». Ellis verfügt über ein unglaubliches stimmliches Repertoire, spielt virtuos mit einer Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten und bleibt doch immer gefühlvoll und leidenschaftlich.

Die 2017 gegründete Band hat schon vor zwei Jahren mit ihrem Debüt «Here And Now» einen starken Eindruck hinterlassen. Das Album ­erreichte Platz 8 der Schweizer ­Album-Hitparade und die Jahresbestenliste in dieser Zeitung, doch angesichts der Klasse blieb das Echo vergleichsweise bescheiden. «Corona hat unseren Lauf gebremst», sagt Mano, «die Pandemie hat uns in dem Moment gestoppt, als die ersten guten Konzerte reinkamen.»

«A Lifetime»: Ein Song aus dem Debüt von 2019.

youtube

Das Quartett hat die Zeit genutzt, um neues Songmaterial zu komponieren und aufzunehmen. «Von der kreativen Seite her war Corona ein Glücksfall», sagt Ellis, und Mano ergänzt: «Das zweite Album ist konsequenter, radikaler und kompromissloser. Wir hatten coronabedingt mehr Zeit, um an der Musik zu feilen und die Musik reifen zu lassen.» Ellis:

«Wir sind menschlich und musikalisch noch mehr zusammengewachsen.»

Es lief so gut, dass die Band im Sommer 2020 in einer zehntägigen Klausur in Istrien noch ein weiteres Album einspielte. Es soll im nächsten Jahr erscheinen.

Und was passiert in der Schweiz? Es ist ein Evergreen in der Schweizer Pop- und Rockgeschichte: Erst der Umweg über das Ausland garantiert Respekt und Anerkennung im eigenen Land. Davon können Yello, Krokus, Celtic Frost und viele andere ein Lied singen. Jetzt darf die Ellis Mano Band eine weitere Strophe beisteuern, denn bei den angefragten Schweizer Majorlabels ist die Band abgeblitzt. «Von Universal haben wir nicht einmal eine Antwort erhalten», sagt Mano.

Sylvie Widmer vom kleinen Berner Label Sound Service, das für die Band den Vertrieb in der Schweiz übernimmt, ist nicht erstaunt, dass die einheimischen Majors die Qualität einer Ellis Mano Band nicht erkennen. «Es geht heute kaum noch um die musikalische Qualität und Nachhaltigkeit einer Band», sagt sie, «stattdessen wird der Markt geflutet mit belanglosem Gedudel und drittklassigen Textzeilen. Hochgejubelt werden vorzugsweise dauerlächelnde Happy-Hipster, welche sich in ihrer grenzenlosen Nettigkeit auch für das dämlichste Radiospiel oder Fernsehformat nicht zu schade sind.»

Gutes Songwriting und herausragendes musikalisches Handwerk wie das der Ellis Mano Band spiele «eine untergeordnete Rolle.» Dabei werde «vergessen, dass solche Bands punkto Wertschöpfung für ein Label langfristig wesentlich wertvoller sind als kurzfristig gehypte Sommerhit-Wunder».

«Wir haben die richtigen Partner gefunden»

Die helvetische Ignoranz sollte sich als Glücksfall erweisen. Denn über den irischen Texter Shane Brady ist die Band ans Jazzhaus in Freiburg gelangt. Das Jazzhaus ist Label, Bookingagentur und Konzerthaus in einem und verfügt über ein engmaschiges Netz an Kontakten in Deutschland, den angrenzenden Ländern sowie zwölf Vertriebsländern. Und noch wichtiger: Das Jazzhaus ist an der Musik interessiert. «Dort ging es einen halben Tag, bis wir eine Antwort bekamen. Sie waren von unserer Musik sofort begeistert», sagt Mano. Das Jazzhaus hat die Qualität erkannt und setzt auf einen kontinuierlichen Aufbau.

«Wir haben die richtigen Partner gefunden. Leute, die von uns überzeugt und mit Herz dabei sind. In Grossbritannien hat die Ellis Mano Band den Promoter von Blues-Superstar Joe Bonamassa überzeugen können. Gesucht wird noch ein Konzert-Booker für England. «Wir sind eine Band, die sich ihr Publikum erspielen wird», glaubt Mano. Nichts wird dem Zufall überlassen. «Ich möchte so gern durch das Schlüsselloch der Zukunft schauen», sagt Mano, «wir bauen im Moment so viel auf. Ich bin gespannt, welche Früchte es trägt.» Er ist zuversichtlich: «Ich bin überzeugt, dass wir in zwei, drei Jahren den Durchbruch geschafft haben.»

Live: Swiss Blues Challenge, Basel 2. 7. Plattentaufe: Salzhaus Brugg, 20. 11.
Ellis Mano Band: Ambedo (Jazzhaus/Sound Service).

Zvg / zvg