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ROCK: Das ehrlichste Album der Band

Die deutsche Kultband Tocotronic macht sich auf biografische Spurensuche. Musikalisch breit wie nie singt die Band über Sucht, Liebe und die Dämonen der Jugend.
Steffen Rüth
Die deutsche Band Tocotronic. (Bild: Michael Petersohn)

Die deutsche Band Tocotronic. (Bild: Michael Petersohn)

Würde man das Leben des Dirk von Lowtzow verfilmen, es käme so etwas Melancholisch-Sanft-gruseliges heraus. «Ein Abenteuerfilm wäre es sicher nicht», sagt der Texter und Sänger von Tocotronic, der sich auf «Die Unendlichkeit», dem zwölften Bandalbum in 25 Jahren, ganz der bisherigen, 46 Jahre währenden, Vita hingibt. Und so beginnt er seine musikalische Autobiografie mit der nach Beatles klingenden Kindheitserinnerung «Tapfer und grausam», die dezent düster und bedrohlich am Kinderkarussell in der Offenburger Provinz spielt. «Der Jahrmarkt war eine wahnsinnig anziehende, sehr fremde und bizarre Welt, auch ein bisschen zwielichtig und furchteinflössend.» Alle vier, also Dirk, Jan Müller (46), Arne Zank (47) und Rick McPhail (46), «waren immer schon Fans von Mumien, Monstern und Mutationen», im Fall von Bassist Müller indes war das Unbehagen vor Gespenstischem immens. «Ich habe so was ganz schlecht vertragen. Aber der innige Wunsch, sich dem Grusel auszusetzen, war stärker als die Angst.»

«Das hatte auch was Therapeutisches»

Was für frühjugendlichen TV- und Horrorhörspielkonsum gelte, das trifft erst recht auf das ehrlichste Album der langen Bandgeschichte zu. Furcht ist fehl am Platz, wenn man sich so ein­gehend mit dem eigenen Leben und den damit verbundenen ­Dämonen befasst. «Wir mussten schonungslos sein, auch zu uns selbst», so Jan Müller. Eine mehr als machbare Aufgabe für den Kollegen von Lowtzow. «Mich hat es befreit, durch diese Tür zu gehen. Ich hatte nach dem vor drei Jahren erschienenen ‹Roten Album› mit Stücken wie ‹Ich öffne mich› den Wunsch, persönlicher zu werden und weniger ab­strakt. Beim Schreiben war ich sehr nah bei mir. Das hatte auch was Therapeutisches.»

Von Lowtzow spart wenig aus in den neuen Liedern: Fummeln, Apfelkorn und musikalische Selbstwerdung im Partykeller («Electric Guitar»), Anderssein und Anecken aus Prinzip («Hey Du»), das Jahr der Tocotronic-Geburt («1993»), der Tod eines engen Freundes («Unwiederbringlich»), eine beginnende Alkoholsucht («Ausgerechnet du hast mich gerettet»), geheime erotische Wünsche («Ich würd’s dir sagen») und eine von Bläsern getragene, schwelgende Utopie («Mein Morgen»).

«Eigentlich bin ich gar kein nostalgischer Mensch», sagt er. «Ich habe zum Beispiel keine Fotos von mir aus der Kindheit. Insofern war es interessant zu schauen, was mir im Gedächtnis geblieben und was davon mitteilungswürdig im Sinne der Popmusik ist.» Also lieber «Sex & Drugs im Elternhaus» als der ­erste Schultag. «In der frühen ­Pubertät entdeckte ich Pop- und Rockmusik. Mit der Gitarre konnte ich Krach machen, und das gab mir das Gefühl von Freiheit und Selbstsicherheit. Und genau in diese Zeit fiel meine erwachende Sexualität.»

Von Folk über Rock bis zu Bläserarrangements

Musikalisch ist der Fächer breiter als sonst. Folk, Glam, Wave, Pop, Rock es ist alles dabei, die musikalische Stilvielfalt ist immens, und die Spielfreude der Band gross. Selbst vor hymnischen Bläserarrangements wie in «Mein Morgen» machen die Tocos nicht halt. Jan: «Dieses Lied ist eines meiner liebsten überhaupt. Man kann sich da so richtig schön reinlegen.» Nur dem grössten Horror von allen, dem Alter, dem können auch die einst arg auf ihre Jugendlichkeit (das bekannteste frühe Stück heisst «Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein») reduzierten Tocos nicht entkommen. «Das Leben wird nicht unbedingt einfacher, wenn man auf die 50 zugeht», sagt Jan Müller und strubbelt sich auf der fruchtlosen Suche nach Grauem durchs schwarze Haar. Lowtzow lacht. Manchmal schreiben die Leute jetzt schon ‹Sind die aber alt geworden›. Ja nun, wer nicht?»

Steffen Rüth

Tocotronic: Die Unendlichkeit, Universal Music

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