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Kitschbefreiter Roman-Klassiker: Robinson Crusoe, der Sklavenhändler

Am 25. April 1719 erschien mit Daniel Defoes «Robinson Crusoe» ein Roman, der zum meistverkauften der Literaturgeschichte werden sollte. 300 Jahre später kann man ihn immer wieder neu entdecken: befreit von Verkitschung und Romantisierung.
Hansruedi Kugler
Überlebt in der Wildnis dank bürgerlichen Tugenden wie Fleiss und Bescheidenheit: Robinson Crusoe mit seinem devoten Gefährten Freitag. Darstellung aus dem Jahr 1875: (Bild: Keyston)

Überlebt in der Wildnis dank bürgerlichen Tugenden wie Fleiss und Bescheidenheit: Robinson Crusoe mit seinem devoten Gefährten Freitag. Darstellung aus dem Jahr 1875: (Bild: Keyston)

Aus heutiger Sicht müsste man ausrufen: Geschieht ihm doch recht – ein Sklavenhändler hat es nicht besser verdient, als auf einer einsamen Insel ein Leben lang seine Untaten zu büssen. Am besten, noch bevor er auf der Rückfahrt von Afrika nach Südamerika einen Drittel seiner menschlichen Fracht verrecken lässt. Von wem redet man sich hier in Rage? Niemand Geringerem als Robinson Crusoe. Dieser Jugendbuchheld, der unverschuldet Schiffbruch erleidet, dann tapfer seine Einsamkeit erträgt und zum Idealtypus eines Survival-Abenteurer wird. 300 Jahre alt ist seine Geschichte, und doch rühren sentimentale Robinsonade-Filme mit Tom Hanks oder Pierce Brosnan die Herzen bis heute.

Nur haben die meisten neuen Ausgaben der Erzählung von Daniel Defoe und die zahlreichen Verfilmungen jene heiklen Passagen weggelassen, in denen Robinson mit Sklavenhandel den Reichtum auf seiner brasilianischen Plantage mehren will und sich später auf seiner Insel wie ein Kolonisator aufspielt. Robinson glaubt ja auch, ausserhalb Europas würden überall Kannibalen auf Beute lauern. Die Ausnahme der Regel: Robinsons Gefährte Freitag, dem immerhin der Aufstieg vom Kannibalen zum devoten Diener gelingt. Beim Wiederlesen des Originaltextes prallt also unser aufgeklärter Moralismus sowie unsere kitschige Südseeinselromantik auf den kolonialistischen Zeitgeist um 1700.

Man muss «Robinson Crusoe» trotz seiner rassistischen Grundzüge nun nicht gleich aus dem Kinderzimmer entfernen. Auch wenn das etwa die Literaturwissenschafterin Susan Arndt fordert. Der Roman und seine Wirkungsgeschichte zeigen vielmehr auf, wie unser kollektives Gedächtnis blinde Flecken produziert und manchmal zur Verharmlosung und Verkitschung neigt. Kein Wunder, denn die Sklaverei-Episoden sind nachfolgenden Generationen zunehmend peinlich. Robinson ist so zum Trivialmythos geworden, dem man willkürlich allerlei Lebensunglücke anheften kann: Flugzeugabstürze oder Ehrenmord aus Notwehr in Kinofilmen. Ganz zu schweigen von den Liedlein über einsame Inseln, auf denen man die Alltagshektik vergessen und die Seele entdecken könne. Mit Daniel Defoes Robinson Crusoe hat das alles nur noch wenig zu tun. Wer weiss schon, dass sein Robinson zwei Jahre als Sklave leben musste oder nach seiner Rückkehr nach Europa in den Pyrenäen Dutzende von ausgehungerten Wölfe erledigte?

Ein Roman, der Jugendliche von Inselsehnsucht träumen lässt

Besser also wiedermal das Original lesen, das am 25. April 1719 in London erschienen ist. Jenes Buch, das Generationen von Jugendlichen träumen liess: Von mit Abenteuern und Selbstbehauptung belohntem Aufstand gegen elterliche Vernunft und bürgerliche Bescheidenheit. Defoes belehrender Anspruch, «durch das eigene Beispiel ein Vorbild» zu bürgerlicher Mässigung anzuleiten, ist dabei ein kaum wirksames Alibi für die Leselust am Abenteurer.

Sofort ein Grosserfolg, erlebt «Robinson Crusoe» eine Flut von Raubdrucken, gekürzten Fassungen, Übersetzungen, Imitationen, Ausgaben für Kinder und Jugendliche und prägt ein ganzes Genre der Robinsonaden. Sein Autor ­Daniel Defoe, ein scharfzüngiger und viel gereister Journalist, war da bereits 59 Jahre alt. Reich wurde er zwar nicht. Seine literaturgeschichtliche Bedeutung aber liegt in der Kombination von Faktenbericht, Abenteuerroman und Mentalitätsanalyse. «Robinson Crusoe» gilt als Meilenstein auf dem Weg zum modernen Roman.

«Die Mittelschicht ist dem Glück des Menschen am dienlichsten»

Dabei stützte sich Defoe in der Beschreibung von Robinsons Inselleben auf den Bericht des Matrosen Alexander Silkirk. Dieser war im Streit mit seinem Kapitän über den schlechten Zustand des Schiffs 1704 auf einer 48 Quadratkilometer grossen, unbewohnten Insel 670 Kilometer vor der chilenischen Küste im ­Pazifik auf eigenen Wunsch ausgesetzt worden. Ausgestattet mit einer Kiste mit Lebensmitteln und Kleidern, Gewehr, Schiesspulver, Beil und Messer. Nach vier Jahren wurde Silkirk gerettet. Aus seinem in London veröffentlichten Bericht bediente sich Daniel Defoe bis in Details: Vom Hausbau bis zur Ziegenzucht. Nicht genug der Aneignung: Ironischerweise wurde die Isla Más a Tierra, auf der Silkirk überlebt hatte, 1966 in Isla Robinson Crusoe umbenannt – ein touristisch erfolgreicher Kniff. Wieso es sich lohnt, den Roman in der vollständigen Ausgabe zu lesen? Er liest sich trotz einiger Längen immer noch als spannender Abenteuerroman mit akribisch beschriebenen Details. Vor allem aber liegt hier ein hoch interessanter mentalitätsgeschichtlicher Text vor. Man mag sich wundern, dass Defoe seinen Helden trotz täglicher Bibellektüre vor seinem Schiffbruch Sklaven ausbeuten und mit ihnen Handel treiben lässt. Allerdings verbot das britische Parlament erst 1807, hundert Jahre nach «Robinson Crusoe», den Sklavenhandel und 1834 auch die Sklaverei. Defoe war mit seiner Ignoranz im Zeitgeist aufgehoben.

Interessanter ist Defoes Blick auf die Standesordnung. Kein Autor hat so früh und so genau, bereits um 1700, die Mentalität der bürgerlichen Mittelschicht beschrieben. Es sei «der beste Stand und dem Glück des Menschen am dienlichsten», beschwört Robinsons Vater vergeblich seinen Sohn. Dieser Stand sei befreit «vom Kampf um das tägliche Brot versklavt zu werden» und nicht anfällig für den «Hochmut, das Schwelgen, den Ehrgeiz und den Missmut» der Oberschicht. Der Mittelstand lebe ohne die materielle Not der Unterschicht, ohne die moralische Dekadenz der Oberschicht. Ironie der Geschichte: Erst nach mehreren Unglücken findet Robinson auf der Insel zu den bürgerlichen Tugenden: Arbeitsethos, pedantische Buchhaltung, pragmatisches Abwägen von Soll und Haben, Bescheidenheit und Fantasielosigkeit. Alles zielt auf Beherrschung und praktischen Nutzen. James Joyce bezeichnete Robinson im Jahr 1912 als Symbol der britischen Eroberungen und sagte mit spöttischem Unterton: «Der gesamte angelsächsische Geist steckt in Crusoe: seine männliche Unabhängigkeit, die unbewusste Grausamkeit, die Ausdauer, das behäbige, aber effiziente Denken, das sexuelle Desinteresse, die praktische, wohltemperierte Religiosität, die berechnende Einsilbigkeit.»

Als Journalist kämpfte Defoe gegen Fremdenfeindlichkeit

Man tut dem Autor Daniel Defoe aber Unrecht, wenn man ihn als tumben Kolonialisten hinstellt. Denn sein Roman ist von subtiler Mehrschichtigkeit: Robinsons Selbstbehauptung wird sowohl im praktischen Erfolg als kreativer Selbstversorger wie in seiner psychischen Not und im Spiegel zeitgenössischer gesellschaftlicher Normen geschildert. Robinsons Überleben gelingt mit handwerklichem Geschick, Fleiss und Organisationstalent, ist aber begleitet von plötzlichen Depressionen, die lediglich mittels Gottvertrauen vertrieben werden können. Vergessen sollte man nicht, dass Defoe als Journalist ein Kämpfer für Toleranz war und scharf gegen fremdenfeindliche Tendenzen ­anschrieb. Er meinte, wir alle seien Migranten. Ein moderner Standpunkt und zumindest darin kein Widerspruch zu «Robinson Crusoe».

Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Vollständige und neu übersetzte Ausgabe. Mare Verlag, 416 S., Fr. 52.–

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