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Ritterschlag für eine Musikikone

Grammy, Oscar und allerlei Orden hat Bob Dylan längst eingeheimst. Nun bekommt der Langzeitkandidat doch noch den Nobelpreis für Literatur.
Philipp Landmark
Der Songtext als zentrales Element: Bild aus dem berühmten Musikvideo zum Song «Subterranean Homesick Blues» von 1965. (Bild: Sony Music)

Der Songtext als zentrales Element: Bild aus dem berühmten Musikvideo zum Song «Subterranean Homesick Blues» von 1965. (Bild: Sony Music)

Die Begründung des Nobelpreis-Komitees ist zweifellos korrekt: Bob Dylan hat in der Tradition der grossen amerikanischen Songs neue Akzente gesetzt und eine neue poetische Ausdrucksweise eingeführt. Er verkörpere die Songwritertradition seit 54 Jahren und habe sich gleichzeitig immer wieder neu erfunden, Dylan sei ein grosser Poet, rechtfertigte die Sprecherin der schwedischen Akademie, man möge den Entscheid also bitte nicht kritisieren.

Das klingt so, als ob sich die Stockholmer Jury für den Literaturnobelpreis ihrer Sache doch nicht so ganz sicher war. Dylan war immerhin schon seit so vielen Jahren als möglicher Preisträger gehandelt worden, weshalb die Auszeichnung, die nun doch noch kam, eine kleine Überraschung ist (und ein verspätetes Geschenk zu seinem 75. Geburtstag).

Ein Meister der populären Musik

Dass die Verkündung des Preisträgers nicht zum erwarteten Zeitpunkt letzte Woche erfolgte, nährt tatsächlich bereits Gerüchte, dass sich das Komitee bei dieser Wahl alles andere als einig war.

Dieser Literaturnobelpreis ist nicht nur die Anerkennung eines aussergewöhnlichen Künstlers, der nicht gerade Literatur in einem herkömmlichen Sinn macht (Homer habe damals auch einfach Verse gemacht, heisst es dazu in Stockholm). Dylan ist bei aller Überhöhung letztlich einfach ein Meister der populären Musik, und gerade im deutschen Sprachraum und in nordischen Ländern wird ja noch streng in E- und U-Musik unterteilt: Hier das ernste, anspruchsvolle Fach, mithin die wahre und gegebenenfalls preiswürdige Kunst; dort die leichte Muse, in letzter Konsequenz Gebrauchsware.

Bob Dylan hat in seinen Songs stets soziale Probleme, religiöse Fragen, Politik und, natürlich, die Unergründlichkeit der Liebe erörtert: oft in einer doppeldeutigen, sarkastischen und so zuvor nicht gehörten Weise. Das allein scheint dem Nobelpreis-Komitee dennoch etwas wackelig gewesen zu sein, denn es verweist in seiner Begründung ausdrücklich auch auf die spärlichen und höchst unterschiedlichen Buchpublikationen Dylans. Das ist bedauerlich, denn diese Werke spielen eine völlig untergeordnete Rolle in Dylans Schaffen, so schmälern die Schweden die Auszeichnung der Songtexte. Diesen Schritt, wenn man ihn den wagt, kann man durchaus alleine rechtfertigen. Es gibt nämlich keinen zweiten Songwriter, der einen so grossen Einfluss auf das zeitgenössische Musikschaffen hatte und weiterhin hat.

Mit dem 1962 geschriebenen «Blowin' in the wind» wurde der junge Dylan zum neuen Stern am Himmel der New Yorker Folk-Szene und dann während des Vietnamkriegs zur Ikone der Friedensbewegung. Der Song gilt als Prototyp der Protestsongs, auch wenn Dylan damit kokettierte, nie Protestsongs geschrieben zu haben. Epochale Songs wie «Like a rolling stone» oder das vielschichtige «The times they are a-changing» folgten in den Sechzigerjahren in hoher Kadenz. Es sind diese Songs, die Dylan noch als Jungspund unsterblich machten, und es sind wohl auch diese Songs, die den Herrschaften in Stockholm im Kopf klangen, als sie sich zu der Auszeichnung des

Amerikaners durchrangen: als späte Ehrung eines Frühwerks. Und als endgültige Heiligsprechung einer Lichtgestalt, die das Zwielicht so gekonnt bewirtschaftet.

Wer so früh im Leben Epochales schafft, wird später immer daran gemessen. Dylan begnügte sich nie damit, Plagiate seines eigenen Schaffens zu produzieren. Er vollzog plakative Kursänderungen, schockte Folk-Puristen mit einer elektrischen Gitarre, wandte sich als gebürtiger Jude plötzlich dem Christentum zu. Er schuf weiterhin grossartige Musik – und produzierte dazwischen auch weniger berauschende Alben. Aber an den Status der frühen Meilensteine kam kaum noch etwas heran. In den letzten Jahren schrieb Dylan gar keine Songs mehr, so, als ob er alles Wesentliche schon gesagt hätte. Doch den gerne als Chamäleon bezeichneten Dylan wird es bestimmt bald wieder in den Fingern jucken, wenn er noch ein paar Jahre lebt: Einige Altersweisheiten, die nun von keiner Jury der Welt mehr beurteilt werden müssten, sollten noch drinliegen.

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