RIKLIN-ZWILLINGE: Kunst kann Kunden knacken

Die neuste Idee der St.Galler Konzeptkünstler bringt ein zersägtes Büro samt Verkaufsleiter zum Kundentermin hoch an die Bürofassade.

Anina Frischknecht
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Roy Aggelers schwebendes Büro ist für die Kunstaktion kurzerhand aus dem alten Arbeitsort gesägt worden.

Roy Aggelers schwebendes Büro ist für die Kunstaktion kurzerhand aus dem alten Arbeitsort gesägt worden.

Anina Frischknecht

anina.frischknecht@tagblatt.ch

Ein roter Gabelstapler schiebt sich durch die Quartierstrasse. Zwei, drei Anwohner strecken die Köpfe aus dem Fenster – das Handy griffbereit. Was sie nämlich zu sehen kriegen, ist nicht alltäglich: Auf dem ausgefahrenen Stapler-Arm schwebt ein zersägtes Büro vorbei. Boden, Rückwand mit angeschnittenem Bild, die Hälfte eines Regals mit Ordner, ein Pult, ein Computer, ein Stuhl und darauf Roy Aggeler, Verkaufsleiter der Glas und Raum AG, St.Gallen. Hier hat die jüngste Kunstaktion des «Ateliers für Sonderaufgaben» von Frank und Patrik Riklin den Weg in die Moosstrasse gefunden. Die Anwohner sind ­allerdings nur Zeugen – in Szene gesetzt hat sich das fliegende Büro für jemand anderen.

Wirtschaft benutzt Kunst

Riklin und Riklin, die sich mit ihren Nullsternhotels einen Namen gemacht haben, leben eine Kunst mit Funktion. Ihr «Trinkbrunnen» in Zürich belohnte ­soziale Interaktion mit heisser Schokolade oder Bouillon. Für «Bignik» nähten die Konzeptkünstler Hunderte Tücher zu einem XL-Tuch zusammen und luden zum Volkspicknick. Konzepte wie diese erstellen die Zwillinge jeweils auf Auftrag, gehen dabei allerdings keine Kompromisse ein. So fallen laut eigenen Angaben fast 80 Prozent der Aufträge ins Wasser, weil die Kunden ihre Kunst dann noch gerne etwas alltagstauglicher hätten.

Direktmacheting (Bild: Benjamin Manser)
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Direktmacheting (Bild: Benjamin Manser)
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Direktmacheting (Bild: Benjamin Manser)

Direktmacheting (Bild: Benjamin Manser)

Die jüngste Aktion nennen die beiden Konzeptkünstler nun«Direktmacheting». Funktionslos ist aber auch sie nicht. «Wir planen einen regelrechten Überfall auf die Wirklichkeit», sagt Frank Riklin, während er den Gabelstapler zur St.Galler Niederlassung der Implenia lotst.

Im obersten Stock sitzt dort Baukostenplaner Rolf Frick und ahnt von nichts. Jetzt tritt Roy Aggeler in Aktion. Während ihn der Gabelstapler in seinem luftigen Büro an die Fassade hievt, wählt er sich zu Frick durch – sein ­Mobiltelefon ist wie er selbst, ­doppelt und dreifach gegen den ­Absturz gesichert. «Grüezi Herr Frick, hier ist Aggeler, Glas und Raum AG. Werfen Sie doch bitte einen Blick zum Fenster,» grüsst er einen perplexen Frick und winkt ihm durch die Scheibe zu.

Fliegendes Büro auf Terminfang

«Stinknormale Telefon-Akquisitionen funktionieren einfach nicht mehr», erklärt Verkaufsleiter Aggeler die ungewöhnliche Kundenwerbung. «Wir wollen aus der grossen Masse herausstechen. Das Riklin’sche Konzept der Artonomie, der Verschmelzung von Wirtschaft und Kunst, bot uns eine Möglichkeit, Kunst an unseren Kundenkontakt zu lassen.»

Als Rolf Frick seinen ­Gesprächspartner vor seinem ­Fenster in etwa 10 Metern Höhe schwebend erblickt, ist das Eis tatsächlich schnell gebrochen. «Das ist jetzt ein Witz? Wahnsinn», entfährt es ihm, als er Aggeler durchs Fenster die Hände schüttelt. Dann geht’s bereits wieder ums Geschäft – schliesslich hat sich Aggeler auf den Gabelstapler geschnürt, um bei Frick einen Vorstellungstermin zu bekommen. Der Termin ist schnell eingefädelt, die Akquise erfolgreich, der Gabelstapler fährt seinen Arm wieder ein. «Klar will ich Roy und sein Team nun genauer kennen lernen. Sie haben bewiesen, dass sie kreativ sind, gerne über den eigenen Tellerrand blicken und wortwörtlich nah am Kunden sind. Einen ­besseren Geschäftspartner sucht man lange», sagt Rolf Frick, nachdem Aggeler und sein Gabelstapler abgezogen sind.

Für Frank und Patrik Riklin ist der Termin beinahe zu reibungslos verlaufen. Immerhin verstehen sie das «Direktmacheting» als radikale Kunstform, die auch etwas polarisieren soll. Die letzte Aktion des schwebenden Büros war das allerdings nicht. Für Neukundenkontakte will Aggeler auch künftig darauf zurückgreifen. Natürlich nur, wenn die Begebenheiten für einen Gabelstapler passen.