Luzerner Theater inszeniert Revolte in der Königsloge

Harmlos als Antikriegs-Satire, stark als Drama enttäuschter Sehnsucht und Gefühle: Jacques Offenbachs Operette «Die Grossherzogin von Gérolstein», die am Samstag im Luzerner Theater Premiere hatte, schillert witzig zwischen französischem Plaisir und deutschem Ernst.

Urs Mattenberger
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Bis hin zum Federbusch (Kostüme: Elke von Sivers) alles Verkleidung: Robert Maszl als Fritz und Marina Viotti als Grossherzogin. (Bild: Ingo Höhn)

Bis hin zum Federbusch (Kostüme: Elke von Sivers) alles Verkleidung: Robert Maszl als Fritz und Marina Viotti als Grossherzogin. (Bild: Ingo Höhn)

Theater kann so sinnlich sein, dass man sogar vom Duft der Frauen schwärmen kann – so wie Don Giovanni mit seinem «odor di femmina» in der letzten Opernpremiere des Luzerner Theaters. In der aktuellen Premiere konnte man am Samstag diesen Duft sogar als Zuschauer riechen, wenn man einen der Plätze im ersten Rang ergatterte.

Da nämlich kommt einem Jacques Offenbachs Operette «Die Grossherzogin von Gérolstein» (1867) zum Greifen nahe. Für den Auftritt der launischen Regentin, die die Generäle mit einem Krieg von dummen Gedanken abhalten und politisch verheiraten wollen, hat Regisseur Lennart Hantke den halben ersten Rang als Spielfläche reserviert – mit einer aus roten Samtvorhängen gebildeten Königsloge mittendrin.

Die Zuschauer als Mittäter

Die farbenfroh kostümierten Damen und Herren des Hofstaats auf den Seitenbalkonen machen uns zu Mittätern: Am liebsten würde man einstimmen ins Applaudieren, Lachen und Grölen, mit dem der Theaterchor die Eskapaden der Grossherzogin quittiert. Und wenn diese bei ihren Gängen zur Königsloge vor unserer Nase vorüberrauscht, bleibt ihr Duft hängen – so betörend und unfassbar, wie die umwerfende Marina Viotti diese Rolle spielt und singt.

Damit setzt Hantke Benedikt von Peters Idee des Raumtheaters um, ohne dass das wie eine Kopie wirkt. Dass er mit der Königsloge das Theatermodell einer streng hierarchischen Gesellschaft zitiert, deren Ordnung vom Stück wie von der Inszenierung unterlaufen wird, unterstreicht die raffinierte, zwischen offiziellem Französisch und Alltagsdeutsch wechselnde Textfassung. Und wenn Marina Viotti rastlos zwischen Bühne und Loge hin und hertigert, wird die soziale Revolte ganz ins Menschliche und Psychologische verlegt.

Dazu passt, dass die Inszenierung die Machtspiele der Generäle aufs Nötigste reduziert – in einem Bühnenbild, dessen Spiegelwand die Königsloge hinterrücks für alle Zuschauer sichtbar macht. Die Karikatur, die Jason Cox als General Bumm mit säbelrasselnder Bassstimme gibt, ist zwar ein weiteres Highlight. Aber im Ganzen wirkt die trottelige Soldateska selbst beim geplanten Mordkomplott gegen Fritz so brav und nah am Klischee, dass die Antikriegs-Satire des Stücks harmlos wirkt. Mehr Biss auch in den Marsch-Persiflagen zeigt das Luzerner Sinfonieorchester unter Kapellmeister Alexander Sinan Binder. Trotz einiger Premierenunsicherheiten gestaltet es den Abend höhnisch plappernd, präzis stichelnd und rauschend mit.

Slapstick kippt um in Sehnsucht

Szenisch rückt Hannert dagegen das menschliche Drama ins Zentrum: die Liebesintrige, mit der die Grossherzogin den feschen Soldaten Fritz für sich gewinnen und ihn seiner Verlobten Wanda ausspannen will. Diese bietet zwar auch unbeschwerten Operettenspass. Köstlich etwa sind die Slapstick-Szenen, in denen die Grossherzogin den nichts ahnenden Soldaten zum General befördert und dafür bis hin zum Federbusch die Dekorationen des Generals Bumm plündert. Aber die Dreiecksgeschichte wird darüber hinaus zum Kammerspiel, das existenziell von unerfüllter Sehnsucht nach sozialer Anerkennung und Liebe handelt.

Das gilt selbst für das Liebespaar, dessen Liebe zum Schluss triumphiert. Robert Maszl spielt den Fritz mit einer spielfreudigen Wendigkeit, die stimmlich einen leichten, strahlenden Operettenton mit anrührender Gestaltung verbindet, wo er die Liebe der Grossherzogin ausschlägt. Diana Schnürpel setzt ihre leuchtenden Spitzentöne wirkungsvoll und ambivalent in den Dienst grosser Liebe wie Eifersucht und hebt damit die Rolle über das Klischee vom süssen Mädchen hinaus.

Mehr als ein Überraschungseffekt

Himmel und Hölle durchschreitet Marina Viotti in der hier emotional entblösst gestalteten, traurig grundierten Titelrolle. Wie sie mit ihrer geschmeidigen und leuchtkräftigen Stimme Ängste, Zorn, Überschwang und Trauer nach allen Seiten aufflammen liess, blieb eine Klasse für sich. Hier zeigt sich auch, dass es bei der Spialanlage mit den Sängern quasi mitten im Publikum nicht um den Überraschungseffekt geht.

Der nutzt sich natürlich mit der Zeit ab, wie ein Theaterbesucher anmerkte. Entscheidend aber ist die Intensität, die diese Nähe bewirkt. Die ängstlich verklausulierte Liebeserklärung der Grossherzogin und das Herumdrucksen von Fritz erlebte man, im Dialog zwischen den Seitenbalkonen und über die Zuschauer hinweg, so unmittelbar mit, als sässen wir mit am Tisch.

Vorstellungen bis 12. Juni. www.luzernertheater.ch