RETURN TO MONTAUK: «Das ist ein kapitaler Fehler»

Der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff (78) hat einen autobiografisch geprägten Film gedreht, der von Max Frisch inspiriert ist. Ein Gespräch über Erinnerung und Fiktion.

Andreas Stock
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Nina Hoss und Stellan Skarsgård in «Return to Montauk». (Bild: Filmcoopi/PD)

Nina Hoss und Stellan Skarsgård in «Return to Montauk». (Bild: Filmcoopi/PD)

Interview: Andreas Stock

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@tagblatt.ch

Volker Schlöndorff, «Return to Montauk» ist für Sie ein Zurück zu Max Frisch – wenn auch ganz anders als 1990 mit «Homo Faber»?

Schlöndorff: Ja, dieser Film ist eine Hommage, er ist inspiriert von Frisch. Er hat mir mit «Montauk» die Vorlage dafür geliefert, endlich mal selbst zu erzählen, mich nicht immer hinter einem anderen Autoren zu verstecken.

Frisch hat «Montauk» geschrieben, um «Auskunft über sich selbst» zu geben. Gilt dies auch für Sie?

Ja, den Satz kann ich unterschreiben. Das heisst ja noch nicht, dass es autobiografisch ist.

In Ihrer Autobiografie beschreiben Sie das Dilemma, als Sie zwei Frauen liebten. Sie schreiben am Ende der Beziehungen: «Es ist vorbei, aber aufarbeiten muss ich es doch eines Tages. Ich weiss nur noch nicht, wie.» Ist dieser Film diese Aufarbeitung?

Ja, hundertprozentig. Dieser Satz steht dort wirklich? Ich habe vergessen, dass ich das so geschrieben habe. Dann wäre es ja ein Langzeitplan gewesen, das würde Max Frisch wiederum gefallen: Dass man sich was vornimmt, das im Unterbewusstsein zehn Jahre lang weiter gärt.

Von Frisch haben Sie auch die Struktur übernommen?

Ja. Ein Mann kommt für fünf Tage nach New York, er macht mit einer Frau einen Ausflug nach Montauk und reist wieder ab. Meine Aufarbeitung begann nach einer Wiederbegegnung in New York, einige Jahre nach der Veröffentlichung der Autobiografie. Darum bin ich noch immer erstaunt über diesen Satz.

Ihre Hauptfigur Max Zorn ist klug und charismatisch, aber auch selbstgerecht und egoistisch. Wie viel Schlöndorff steckt in Zorn?

Das kann und will ich gar nicht voneinander trennen. Ich dachte mir, ich schreibe eine sympathische Rolle und besetze sie mit dem sehr sympathischen Stellan Skarsgård. Beim Schneiden ist mir erst richtig bewusst geworden, dass Max sich ziemlich skrupellos verhält und im falschen Moment das Falsche sagt.

Es gibt dann eine dramatische Wendung, weg von Max Zorn, hin zur Sicht der Frauen.

Eigentlich ist das ein kapitaler Fehler für einen erfahrenen Filmemacher. Das würde mir in keiner Filmschule verziehen. Aber da hat offensichtlich das Unterbewusste Regie geführt. Es ist eben kein durchdachter oder kalkulierter Film. Ich wollte erlebtes Leben wahrhaftig nacherzählen, auch wenn ich mir Freiheiten liess. Clara, die Lebenspartnerin von Max, ist auch erfunden.

In der ersten Szene mit einem langen Monolog klingt bereits ein zentrales Thema an: Wie sich Leben in Fiktion verwandelt und umgekehrt.

Darüber hatte ich einst auch mit Max Frisch diskutiert. Er hat ­einmal gesagt, im Roman oder Theater kann man eine neue Fassung schreiben, aber im realen Leben ist der erlebte Moment die endgültige Fassung. Als Erzähler in Literatur und Film kann man mit so einer Geschichte aber sein Leben umschreiben.

In der Erinnerung lässt sich ja zudem einiges verklären?

Das habe ich in der Autobiografie wohl auch getan. Ich habe dort Ereignisse geschildert, die zwanzig Jahre zurücklagen. Aber in diesem romanhaften Erinnern kann ich plastisch erzählen. Und vielleicht ist diese Erinnerung genau so wahr, auch wenn sie Fiktion ist. Das ist mir bereits beim Schreiben der Autobiografie so gegangen: Das Ich, von dem ich da schrieb, war eine Figur in der dritten Person. Ich könnte auch einen Roman daraus machen.

Würde Sie es denn reizen, einen Roman zu schreiben?

Wenn es nicht so furchtbar viel Arbeit wäre. Aber man muss sich dafür zwei, drei Jahre aus der Welt zurückziehen. Als Filmemacher ist man immer um Leute herum und im Leben drin. Das eigentliche Leben ist für mich während dem Filmemachen. Das ist das intensivste. Darum bin ich wohl in meiner Geschichte gescheitert. Weil mir das Filmemachen immer wichtiger war. Ich bin nur glücklich, wenn wir drehen. Wenn ich die Wahl habe, noch zwei Filme zu machen oder einen Roman zu schreiben, entscheide ich mich für die Filme.

Gibt es schon ein Projekt?

Ja, ich habe gerade fürs ZDF einen Krimi gedreht, «Der namenlose Tag» nach Friedrich Ani. Die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi spielt darin eine Doppelrolle. Ich kenne sie vom Theater und hatte sie für «Montauk» getroffen, weil ich überlegte, ob sie die Clara spielen soll. Aber äusserlich ähneln sich Nina Hoss und sie doch zu sehr. Aber bei diesem Projekt dachte ich sofort an sie.

Nochmals zurück zu Frisch und «Homo Faber». Der Film wurde damals auch kritisiert. Was bedeutet er Ihnen?

Ja, besonders in der Schweiz wurde kritisiert, dass der Ingenieur zu einem Amerikaner wurde. Ich stehe noch immer vollkommen zu dieser Entscheidung. Für mich sind «Homo Faber» und «Die Blechtrommel» die zwei Gipfel meines Schaffens.