Retrospektive in Bildern und intimes Tagebuch: Die zwei neuen Bücher der St.Galler Künstlerin Manon

Als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk zum Achtzigsten erscheinen gleich zwei Publikationen, die Rückschau halten auf ein reiches Künstlerinnenleben in Schmerz und Schönheit.

Christina Genova
Drucken
Teilen
 «Selbstporträt in Gold» auf dem Cover Manons neuer Monografie .

«Selbstporträt in Gold» auf dem Cover Manons neuer Monografie .

PD

Im Therapiestuhl, der wie ein Foltergerät aussieht, sitzt Manon in einem goldfarbenen Ganzkörperanzug und blickt uns direkt an. In den Stuhl musste sich die gebürtige St.Gallerin nach einer Schulteroperation einen Monat lang täglich setzen. In «Selbstporträt in Gold» von 2014 deutet die Künstlerin den Schmerz und das Ausgeliefertsein um in ein Bild verstörender Stärke und Schönheit.

Die Inszenierung ist das Titelbild der Monografie, die beim Verlag Scheidegger & Spiess erschienen ist. Dies anlässlich von Manons Ausstellungen im Kunsthaus Zofingen und später im Centre Culturel Suisse in Paris und der Fotostiftung Schweiz. Kunstkritiker Jörg Heiser hat dazu einen lesenswerten Essays beigesteuert, drei weitere sind im Band enthalten. Wie er treffend feststellt, hat Manon, die sich immer als Feministin verstand, seit ihren künstlerischen Anfängen in den 1970er-Jahren die patriarchale Rolle der Frau als personifizierte Scham, Muse und Objekt aufgebrochen, umgestülpt und umgeformt. Zu Recht weist Heiser daraufhin, dass Manon damit in der Kunst eine Pionierin war – zeitgleich mit und in bestimmten Aspekten vor anderen Künstlerinnen wie Cindy Sherman oder Marina Abramović.

Geheimnisvoll im Federnkleid: Manon auf dem Titelbild von «Federn», erschienen Bei der Edition Patrick Frey.

Geheimnisvoll im Federnkleid: Manon auf dem Titelbild von «Federn», erschienen Bei der Edition Patrick Frey.

Mit Kickboard und herzkranker Hündin

Der schön gestaltete Band mit rund 290 Abbildungen, der schlicht den Namen der Künstlerin zum Titel hat, ist vor allem eine Retrospektive in Bildern. Die Geschichten dazu erhält man in einer weiteren, bei der Edition Patrick Frey herausgegebenen Publikation: «Federn» ist ein Tagebuch, das Manon 2005 während zwei Monaten und zwölf Tagen geführt hat, als Vorbereitung auf ein nie realisiertes Filmprojekt. Federn gehören zu den Dingen, die Manon sammelt und die immer wieder Eingang in ihre Kunst finden. Verführerisch schön, das Gesicht eingerahmt von einem schillernden Federkleid, präsentiert sich die beinahe Achtzigjährige auf dem Cover.

Schonungslos ehrlich erzählt die Künstlerin aus ihrem Alltag und ihrem Leben: von ihrer Medikamentenabhängigkeit, dem lieblosen Elternhaus, der Einweisung in die Psychiatrie, zahlreichen Liebschaften, drei Ehemännern, einem Selbstmordversuch. Rosmarie Küng, wie die Künstlerin eigentlich heisst, schuf sich als Überlebensstrategie die Kunstfigur Manon – «mutige Verführerin, Männerfresserin».

Was Manon schreibt, ist reflektiert und klug, nie geschwätzig. Es ist das Protokoll einer Frau, die heute im Reinen ist mit sich selbst, endlich gelernt hat, gerne zu leben. Sie hadert nicht mit dem Alter: «Die Schönheit nimmt ab, aber das Glück nimmt zu.» Glück bedeuten ihr Tiere: «Ich bin die beste Tierkrankenschwester weit und breit.» Die herzkranke Hündin fährt sie in einer an ihr Kickboard geschraubten Kiste durchs Quartier. Glücklich machen sie auch das winterliche Bad im Zürichsee und Bücher: «Gäbe es nichts als Bücher, dafür lohnte es sich zu leben.»

- Kunsthaus Zofingen (Hg.): Manon. Scheidegger & Spiess, 352 S., Fr. 48.–
- Manon: Federn. Edition Patrick Frey, 248 S., Fr. 38.–