RETROSPEKTIVE: Im Kreislauf des Lebens

Unter dem Titel «Land und Leute» erlauben fünfzig Exponate im Museum Rosenegg eine Wiederbegegnung mit dem Romanshorner Maler Ludwig Demarmels, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Martin Preisser
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Auch 25 Jahre nach seinem Tod ist der Maler, der 1917 bis 1992 lebte, in seiner Bündner Heimat immer noch präsent. (Bilder: PD)

Auch 25 Jahre nach seinem Tod ist der Maler, der 1917 bis 1992 lebte, in seiner Bündner Heimat immer noch präsent. (Bilder: PD)

Martin Preisser

martin.preisser

@tagblatt.ch

In der Eingangshalle des Museums Rosenegg hängt Ludwig Demarmels’ Bild «Vernissage». Der Redner zeigt auf ein leeres Bild, die Vernissagebesucher ­wirken wenn nicht gelangweilt, so doch müde. Ein Bild, auf dem auch Ständerat Thomas Onken und Bundesrat Kurt Furgler verewigt sind. Ein Bild, mit dem sich der Maler auch ein wenig schalkhaft zeigt. Das pure Gegenteil von leeren Bildern zeigt die Retrospektive zum hundertsten Geburtstag von Ludwig Demarmels. Bilder voller Kraft, welche die Heimat und die Verwurzelung des Menschen in ihr zum Hauptthema machen.

Gelangweilt wird niemand an diesem Kosmos vorbeigehen. Demarmels’ Werke begeistern, gerade auch in ihrem Changieren zwischen Vergänglichem und Ewigem, dem Begrenzten und dem Zeitlosen. In Romanshorn hat Demarmels seine Meisterschaft entwickelt. In seiner zweiten Heimat am See nach der Kindheit und den jungen Jahren in Graubünden. «Sie hat seinen Blick sozusagen aus der Distanz heraus für die Herkunftsgegend geschärft», sagt die Konstanzer Kunsthistorikerin Helga Sandl. Sie hat die Rosenegg-Schau kuratiert und einen Text über Demarmels’ Kunst im zur Ausstellung erschienenen Buch verfasst. «In Romanshorn entwickelte er jenes Gespür für die landschaftlichen und kulturellen Eigenheiten, das seine Werke auszeichnet.»

Die Menschen mit Liebe und Respekt gemalt

Land und Leute, darum kreist das Werk des Malers, der in den 1940er-Jahren zweimal Schweizer Meister im Skispringen war. Von den Leuten, ihren Bräuchen, ihrem Alltag, ihren Ritualen und ihrem Charakter scheint der Künstler in seinen Bildern regelrecht zu erzählen. Und malt die Menschen mit Liebe und Respekt in ihrem Eingebundensein in den Kreislauf des Lebens.

Bei den Landschaftsbildern wagt Demarmels auch den Schritt ins Abstrakte. Ein Bild wie «Felsengarten», bei dem die Gesteinsbrocken auch als aufgeladene reine Farbflächen funktionieren, ist ein Musterbeispiel dafür. Den Landschaften am See und in den Bündner Bergen, in Davos oder in seiner Geburtsgegend bei Tiefencastel haftet eine besondere Farbmagie an. Und ein ausgeprägtes Gespür für die Harmonie und Linienführung im Bildaufbau. Als «Genremaler der Nachmoderne» ordnet ihn Helga Sandl ein. Als einen Künstler, der ganz bewusst an die Tradition anknüpfe und den Alltag und das Brauchtum immer in die grösseren Zusammenhänge einbette.

Auf positive und emotional kraftvolle Weise hat sich Ludwig Demarmels, selbst ein Mensch mit guten Wurzeln, mit dem Pinsel in die Nähe der von ihm gezeigten Menschen und ihrer Lebenswirklichkeiten begeben. Auf eine empathische Art.

Die Witwe pflegt das Erbe mit Beflissenheit

Neunzig Prozent der gezeigten Bilder stammen aus dem Atelier, das seine Witwe Roswitha Demarmels seit einem Vierteljahrhundert mit grosser Beflissenheit pflegt. Sie hat auch den Verein Ludwig Demarmels angeregt und sich mit der Gedenkausstellung zum hundertsten Geburtstag auch ein Geschenk zum eigenen achtzigsten Geburtstag gemacht.

Demarmels’ Bildwelten lassen keinen unberührt. Bis heute wird in Graubünden sein Andenken hochgehalten. Der Freund und Journalist Gion Pol Simeon hat in seinem jetzt erschienenen Buch über Demarmels dessen Bildern Gedichte gegenübergestellt, solche der Weltliteratur, aber auch solche der rätoromanischen Heimat des Künstlers. Thurgau und Graubünden, die Stimmungen, die Menschen: Die Werke des «geistigen Doppelbürgers» weisen einen Künstler von hohem Rang aus.

Vernissage: Sa, 11.3., 16 Uhr, Museum Rosenegg, Kreuzlingen; Ausstellung bis 23.4.: Mi 17–19, Fr 14–17, So 14–17 Uhr; die Publikation ist erhältlich unter verein.ludwigdemarmels @bluewin.ch. Weitere Infos: museumrosenegg.ch ludwigdemarmels.ch