Retour nach Belgrad

Leipziger Buchmesse Einst Schmelztiegel der Kulturen, heute im Abseits - dabei hat Serbien, Gastland der morgen beginnenden Buchmesse Leipzig, mit seiner Literatur Europa viel zu sagen. Die Autoren der mittleren Generation schreiben meist im Exil, aber die Jungen bleiben in Belgrad.

Erika Achermann
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Zwischen West und Ost: Eine Grillbude (serbisch «roštilj») im nächtlichen Belgrad, der «weissen Stadt». (Bild: ky./Dagmar Schwelle)

Zwischen West und Ost: Eine Grillbude (serbisch «roštilj») im nächtlichen Belgrad, der «weissen Stadt». (Bild: ky./Dagmar Schwelle)

Denkt man an serbische Literatur, fällt als einer der ersten Namen jener von Ivo Andric. 1892 als Kroate im bosnischen Travnik geboren, hat er «Die Brücke über die Drina» in Belgrad geschrieben, in der ekavischen Dialektform der Serben. 1961 erhielt er für dieses Werk über das Zusammenleben von Moslems und Christen und den Zerfall des Osmanischen Reiches und der Donaumonarchie den Nobelpreis. Den Zerfall Jugoslawiens hat er nicht mehr erlebt.

«Die Brücke über die Drina» liegt jetzt in überarbeiteter Übersetzung und mit einem erhellenden Nachwort von Karl-Markus Gauss wieder vor.

Das blutige Europa

Aleksandar Tisma gehört mit seinem Roman «Der Gebrauch des Menschen» und dem «Buch Blam» zu den illusionslosen Aufklärern Europas. Er hat nicht nur die Opfer im Zweiten Weltkrieg in Novi Sad, wo Serben, Kroaten, Ungarn, Juden und Roma lebten, sondern auch die Täter in den Mittelpunkt gerückt.

Wie Andric verstand er sich als «jugoslawischer» Schriftsteller, und man darf beide in einem Atemzug mit den grossen Mitteleuropäern Musil, Canetti und Marai nennen. Und noch einer (mit einem schmalen Werk) gehört dazu: Milos Crnjanski. Er ist in Temesvar (heute rumänisch, damals habsburgisch) aufgewachsen. Als österreichischer Offizier kehrte er 1918 als 25-Jähriger aus dem Ersten Weltkrieg nach Belgrad zurück.

«Ich ahnte, dass ein Europa untergegangen war, dass aber ein neues eben erst auftauchte, ein ebenso blutiges!»

In einer Welt, in der das «Normale» abhanden gekommen war, konnte er die Welt nur noch mit einem leidenschaftlichen Sarkasmus beschreiben. Die «Kommentare zu Ithaka» hat er im Londoner Exil aufgezeichnet; da war sein Sehnsuchtsort wohl Belgrad, in das er 1965 zwar zurückkehren konnte, ohne dort als Autor aber wahrgenommen zu werden.

Exil und Rückkehr

Der 1938 geborene Milovan Danojlic ist der poetische Registrator der Befindlichkeit in Serbien. Wie Crnjanski hat sein Protagonist Mihailo Putnik an sein Ithaka geglaubt: das Dorf Kapanja. Dort trifft er nach seiner Rückkehr aus Ohio auf Stillstand und Hoffnungslosigkeit. In zehn ausladenden Briefen warnt er seinen Freund Petrovic in Ohio (wo es eine grosse serbische Exilgemeinde gibt) davor, zurückzukehren.

Denn die serbischen «Helden» führen «am Ende eines trunkenen Jahrmarkttages» in der Kafarna ihr Kaffeehaus-Palaver. Derweil beobachtet Putnik (deutsch: der Reisende), «wie sich auf Gräser und auf Wälder eine heilsame Dunkelheit niedersenkt».

1989 war Danojlic Gründungsmitglied der Demokratischen Partei, heute lebt er in Frankreich.

In diesem Roman kritisiert er sein Land wie dies Thomas Bernhard für Österreich und Gombrowicz für Polen taten; mit der Kraft einer starken poetischen Sprache.

Grübelei und Glück

Ein starke Sprache führt auch der serbische Jude David Albahari. Er war ein literarischer Popstar, bevor Bomben auf Belgrad fielen. Kurz vor Beginn der Belagerung Sarajevos hatte er 500 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zur Evakuierung verholfen. Dann emigrierte er selber nach Kanada.

Inzwischen ist er zum Grübler geworden. Die Miniaturen «Die Kuh ist ein einsames Tier» handeln von Liebe und Hass, von Apathie und Schweigen. Abgründe tun sich in Albaharis kurzen Texten auf, in denen übrigens keine einzige Kuh vorkommt; die Einsame bleibt konsequent abwesend.

Weit ausladend hingegen erzählt Goran Petrovic. «Die Villa am Rande der Zeit» ist in Belgrad, wo der 1961 geborene Autor lebt, ein Bestseller.

Die Bewohner leiden an Erinnerungslücken, meint Petrovic, deshalb holt er ein Stück serbisches Bürgertum wieder in die Erinnerung, jedoch nur bis 1989, also ohne Bezug auf die jüngste Geschichte. Das ist wohl erträglicher für die direkt Betroffenen. Die Verflechtungen zwischen Wirklichkeit und Traum gelingen Petrovic wunderbar.

Und dann nimmt man ein weiteres Buch zur Hand und entdeckt mit Erstaunen, dass es Geschichten gibt, «die vom Glück handeln». Dragan Aleksic nennt sie «Vorvorgestern». Er schreibt poetisch, schlicht und mit Kinderblick vom dörflichen Leben in Bela Crkva, wo die Kinder noch nicht an Übersättigung leiden und wo sich Gefahr ankündigt, weil ein betrunkener Onkel die Nacht im Strassengraben verbrachte. In Serbien blieb Aleksic eher eine Randfigur – 2006 ist er ebenfalls nach Ohio ausgewandert.

Er ist wohl ein Autor für eine neue Generation, die sich mit der Geschichte der Väter auseinandersetzen wird.

Neue Subkultur in Belgrad

Diese Autorengeneration gibt es in Belgrad. Sie schreiben urbane Literatur als Erben der legendären subkulturellen Szene der Hauptstadt. Sie wandern nicht mehr aus, denn heute könne man in Serbien alles schreiben, auch über die Position des Individuums in einer repressiven, manipulierten Gesellschaft, meint Sreten Ugricic, Autor des Romans «Für den unbekannten Helden» und Leiter der Nationalbibliothek.

Will man aber diese jungen Autoren – und Autorinnen – auf Deutsch lesen, muss man selbst jetzt, zur Leipziger Buchmesse, suchen. Weder von der Lyrikerin Ana Ristovic noch von Milena Markovic wurde ein neues Buch übersetzt. Kleiner Trost, dass sich die Zeitschrift «Neue Rundschau» dieser kraftvollen Szene und ihrem politischen Umfeld widmet.

Ivo Andric: Die Brücke über die Drina, Zsolnay 2011. Fr. 38.90 Milos Crnjanski: Kommentare zu «Ithaka», Suhrkamp 2011, Fr. 21.90 Milovan Danojlic: Mein lieber Petrovic. Suhrkamp 2011, Fr. 37.90 David Albahari: Die Kuh ist ein einsames Tier. Eichborn, Fr. 25.90 Goran Petrovic: Die Villa am Rande der Zeit. dtv 2011, Fr. 22.90 Dragan Aleksic: Vorvorgestern. Matthes & Seitz 2011, Fr. 23.50 Sreten Ugricic: Für den unbekannten Helden. edition balkan, Dittrich-Verlag 2011. Fr. 31.–