Sein Kühlschrank ist manchmal leer: Kaufmann singt in einem neuen Song von depressiven Phasen

Der Singer-Songwriter Reto Kaufmann hat in den letzten Monaten viele Höhepunkte erlebt. Der 29-Jährige, der in Chur wohnt und in St.Gallen probt, singt auf seiner neuen EP aber auch von Tiefschlägen.

Roger Berhalter
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«Es isch OK so, wie’s jetzt isch»: Der Singer-Songwriter Reto Kaufmann. (Bild: PD)

«Es isch OK so, wie’s jetzt isch»: Der Singer-Songwriter Reto Kaufmann. (Bild: PD)

Beim Auftritt am Open Air St.Gallen stimmte alles. «Es waren sehr viele Leute da und vor allem viele, die uns nahestehen», erinnert sich Reto Kaufmann an das Konzert im Sommer 2018 im Sittertobel. Er stand mit seiner Band auf der «Startrampe»-Bühne, es regnete, «und die Leute gingen so ab wie noch nie».

Für den 29-Jährigen und seine drei Mitmusiker öffneten sich an jenem Abend neue Horizonte. «Wir haben zum ersten Mal so richtig gespürt, was wir mit unserer Musik bewegen können.»

Videoaufnahmen jenes Auftritts dokumentieren, wie gross der Sänger aus Chur werden kann, wenn alles stimmt. Zwei Live-Ausschnitte dieses Konzerts – «König vu dr Nacht» und «Norwegischi Chrona» – veröffentlicht Kaufmann nun auf einem Minialbum. Es heisst «Dr Chüalschrank isch leer» und erscheint morgen.

Der Weg bis zur Kaffeemaschine ist unendlich weit

Reto Kaufmann hat in den letzten zwei Jahren viele Höhepunkte erlebt. Fast 100 Konzerte hat er gegeben, er hat sein erstes Album «König vu dr Nacht» veröffentlicht und mit «Lisa» einen kleinen Radiohit gelandet. Er ist auf Dutzenden Festival- und Clubbühnen gestanden, hat im Münstertal vor 30 Leuten ebenso gespielt wie im vollen Club Bierhübeli in Bern. Und erst letzten Samstag hat er in der Churer Stadthalle wieder 6000 Leute mitgerissen, weil die Hip-Hopper Breitbild ihn als Vorband eingeladen hatten.

Schwelgerische Gitarren und Gesänge: Reto Kaufmann in Aktion. (Bild: PD)

Schwelgerische Gitarren und Gesänge: Reto Kaufmann in Aktion. (Bild: PD)

Doch es gab auch Tage, an denen es Kaufmann kaum bis zur Kaffeemaschine schaffte. Jedes Wochenende als Musiker unterwegs, dazwischen der 80-Prozent-Job im Callcenter: Irgendwann sei ihm die Belastung zu viel geworden. Im neuen Song «So müed» singt er von seinen depressiven Phasen und davon, wie der Weg zur Kaffeemaschine so unendlich weit scheint, dass er die erste Zigarette des Tages noch im Bett rauchen muss.

«Die Depression ist ein Teil meines Lebens. Ich habe versucht, diesen Zustand in eigenen Worten zu beschreiben.» Als Bild habe er den Kühlschrank gewählt, der bei ihm in schlechten Phasen ebenso leer sei wie der Kopf. «Wenn man jemanden in den Kühlschrank blickt, sieht man auch seinen Seelenzustand.»

Depressiv klingt Kaufmann aber noch lange nicht. Selbst in «So müed» behält er eine gewisse Lockerheit bei. Und in «Blau», dem zweiten neuen Song, führt er vor, weshalb er aus vielen anderen Singer-Songwritern heraussticht. Schwelgerische Gitarren und Gesänge, Herzschmerz ohne Kitsch, dafür mit direkten Mundart-Zeilen wie diesen: «Es isch OK so, wie’s jetzt isch. Au wänn i di mängmol vermiss.»

Kaufmanns Lieder entwickeln einen eigenen Sog. Sie sind nicht spektakulär, aber eigenständig und angenehm reduziert. «Ich ein einfacher Typ, deshalb tönt auch meine Musik einfach», sagt Kaufmann, der in einem Kaff im Taminatal aufgewachsen ist. Heute probt er mit seiner Band in St.Gallen.

Auf Mundart über Beziehungsdramen zu singen, kann leicht in die Hose gehen. «Es ist ein schmaler Grat, denn es wird schnell peinlich», findet auch Kaufmann. Doch er hat recht, wenn er sagt: «Vielleicht ist es meine Art aufzutreten und zu singen, die verhindert, dass es peinlich wird.»

Live: 29.11., 21 Uhr, Treppenhaus, Rorschach

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