«Reparieren» hilft nicht

LESBAR FAMILIE

Bettina Kugler
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Bild: Bettina Kugler

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Kaum ein Kind, das heute nicht im Laufe seiner Schulzeit oder schon früher wenigstens einmal «abgeklärt» wird auf allfällige Störungen. Entwicklungsverzögerung, «Verträumtheit» oder Hyperaktivität, Leseschwäche oder Dyskalkulie, das sind die Diagnosen, die Kinderärzte bescheinigen sollen. Die Auswüchse dieser Fixierung auf Defizite beleuchtet der Düsseldorfer Pädiater Michael Hauch. Er erinnert an die in Langzeitstudien gewonnenen Erkenntnisse seines Schweizer Kollegen Remo Largo («Jedes Kind ist anders») und warnt davor, gesunde Kinder mit Therapien «reparieren» zu wollen, wenn sie sich langsamer als gewünscht entwickeln. Zum einen zweifelt er an der Qualität vieler Tests, die Eltern in Kinderarztpraxen treiben. Zum anderen sieht Hauch die Gefahr früher Pathologisierung. «Jede Therapie ist auch eine Belastung des Eltern-Kind-Verhältnisses», schreibt er. Stattdessen sollten sich Eltern Zeit nehmen zum Spielen und Lesen, ihrem Kind liebevoll Anregungen bieten und sich nicht durch ständige Vergleiche mit Gleichaltrigen verrückt machen lassen.

Michael Hauch: Kindheit ist keine Krankheit. Fischer TB 2015, 316 S., Fr. 21.90

Balance halten

In der Kinderpsychologie steht der Begriff der «Resilienz» für die innere Kraft eines Kindes, sich trotz widriger Lebensumstände gut zu entwickeln. Auch Erwachsene müssen Belastungen und Lebenskrisen standhalten – was ihnen dabei hilft, sind «sieben Säulen» tragfähiger Eigenschaften: Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, die Opferrolle verlassen, Verantwortung übernehmen, Netzwerkorientierung, Zukunftsplanung. Nicht jedem sind sie in gleichem Masse in die Wiege gelegt, doch lässt sich Resilienz aktiv anstossen und stärken. Die Autoren geben mit einem Fragebogen Gelegenheit zu einem persönlichen «Resilienzcheck». Sie zeigen, welche Bedeutung die innere Widerstandskraft für den Einzelnen und die Gesellschaft hat und wie man sie trainieren kann – etwa durch Innehalten und körperliche Balance: Bewegung, Berührung, Wärme, gutes Essen.

Sylvia Kéré Wellensiek, Joachim Galuska: Resilienz. Kompetenz der Zukunft. Beltz 2015, 207 S., Fr. 36.80

Bild: Bettina Kugler

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