Renn ihm davon oder entgegen

Für Nora Gomringer gibt es keine Gattungsgrenzen. In ihrem neuen Buch «Ach du je» vermengt sie SMS, Dialoge und klassische Gedichte. Die Texte sind lebendig, als würde man sie hören statt lesen.

Chris Gilb
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Nora Gomringer (Bild: Jürgen Bauer)

Nora Gomringer (Bild: Jürgen Bauer)

Die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer hat ihr neues Buch in der Edition Spoken Script veröffentlicht, die spezialisiert ist auf Texte, die eigentlich für die Bühne geschrieben wurden. Wer in «Ach du je» liest, fühlt sich, als würde er abwechselnd das Gaspedal mit aller Kraft herunterdrücken und eine Vollbremsung machen. Denn ein konstantes Lesetempo gesteht Gomringer dem Leser nicht zu.

Diverse Stile und Themen

Die unterschiedlichen Texte im Buch handeln von zeitlos schwierigen Themen wie einem plötzlichen Tumor-Befund oder aktuellen Themen wie «Ghosting», einem neuen Phänomen der digitalen Kommunikation, das bedeutet, sich unsichtbar zu machen und etwa eine Beziehung zu beenden, indem man plötzlich nicht mehr zurückschreibt. Aber auch von Männern, dem Hirn der Mutter und dem Gespräch mit einem 18-Jährigen – Gomringers Themenfülle wirkt unerschöpflich. Genauso unerschöpflich sind die unterschiedlichen Stile, in der die Texte verfasst sind: Mal sind die Texte mehrere Seiten lang, mal bestehen sie nur aus einzelnen, untereinander stehenden Wörtern; mal liessen sie sich singen, mal sind es nur geschriebene Töne.

Gomringer spielt in ihrem Buch geschickt mit den gängigen Gattungsgrenzen, die sie allesamt aufhebt und als fliessend interpretiert. Dabei kreiert sie wunderschöne Formulierungen und bringt damit gerade die Gefühlslagen ihrer Generation treffend auf den Punkt.

Sonnenfinsternis um 2.54 Uhr

Eine Frau wartet in einem Text auf die SMS ihres Liebsten. Gomringer handelt dieses erfolglose Warten chronologisch ab. Zwischen 2.50 und 2.53 Uhr bleibt die Zeile hinter der Uhrzeit jeweils leer, auf einer Zeile darunter steht dann, zusammenfassend: «Nix leuchtet, Sonnenfinsternis.» Neben 6.10 Uhr des siebenseitigen Monologs im SMS-Stil redet die Person darüber, sich das Wiedersehen mit dem Liebsten verdienen zu wollen und endlich die Passivität des Wartens zu beenden. Sie fasst den Vorsatz, schneller zu laufen; nur wie, fragt sie sich: «Renn ihm davon oder entgegen», ist Gomringers Antwort – wieder so ein Satz, der die ganze Qualität ihrer mutigen Wortspiele zeigt. «Vielmals» heisst ein anderer der 29 Texte, die in sechs Kapiteln 152 Buchseiten füllen. Der Text besteht aus einer Abfolge von Sätzen, die alle mit dem Wort «einmal» beginnen: «Einmal pinkelte sie im Stehen, um ihre Füsse auf der eiskalten Weide zu wärmen. Einmal stand da ein Kuchenbuffet und das Haus duftete nach Erinnerungen, weil sie keinen mehr backen würde.»

Die 35jährige Deutsch-schweizerin Nora Gomringer ist eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Spoken-Word- und Slam-Szene. «Ach du je» gibt einem die Möglichkeit, auch zu Hause auf der Couch eine Ahnung davon zu bekommen, was für eine pulsierende Kunst sich an Anlässen dieser Szene entfaltet.

Nora Gomringer: Ach du je, Edition Spoken Script, Der gesunde Menschenversand, 152 S., Fr. 23.–