Renato Kaiser stellt sein neues Programm vor – und bringt Comedy mit Menschenliebe auf ein neues Level

Der Komiker hat im Casinotheater Winterthur sein neues Programm «Hilfe» vorgestellt. Da ist einer wirklich um unsere Welt besorgt.

Julia Stephan
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Renato Kaiser: Live immer noch am besten.

Renato Kaiser: Live immer noch am besten.

Bild: Aissa Tripodi

Der Mensch ist ein schlechter Gewinner. Es reicht ihm nicht, ein Tier zu erlegen. Er muss es auch noch in einen Saudarm pressen, bevor er es isst. So ist das mit ganz vielen Dingen. Findet Komiker Renato Kaiser. Alles verwurstet der Mensch nach seinen Vorstellungen, die nicht immer die Vorstellungen der anderen sind. Und Renato Kaiser steht mittendrin und staunt, wie sich die Spezies Mensch gegenseitig ins Fleisch schneidet.

Fehler in den gestrickten Weltanschauungen finden

In «Hilfe», dem neuen Bühnenprogramm, das vorletzte Woche vor maskenvermummtem Publikum im Casinotheater Winterthur Premiere hatte, überzeugt der Ostschweizer wieder mal mit seiner Menschlichkeit und seiner ausbalancierten Weltsicht. Man hat sie in seinen humanistischen Online-Video-Botschaften zur Weltlage schon zu schätzen gelernt.

Oder in seinen Auftritten in der SRF-Sendung «Tabu», wo er mit Randgruppen ins Gespräch kommt, um dann in deren Anwesenheit annehmbare Witze über sie zu reissen. Da kann der «Salzburger Stier» des Jahres 2020 noch so angriffslustig die sich in Youtube-Videos vermarktenden Yogalehrerinnen anbellen: «Wozu braucht man eine Yogamatte? Wie zerbrechlich muss die innere Mitte sein, wenn sie auf einem Parkettboden zerbricht?», feixt er mit Blick auf dieses Wohlstandsphänomen, das sich vor allem derjenige leisten kann, der einen Parkettboden zu Hause hat.

Den Guru-Titel hat sich der Kaiser trotzdem verdient. Er versöhnt, ruft auf zum Dialog. Er bricht gesellschaftliche Polarisierungen auf einfachste Grundkonflikte runter. Und er entdeckt die verdrehten Maschen in den manchmal sehr einfach gestrickten Weltanschauungen.

Renato Kaiser bleibt dabei nicht der Anekdoten erzählende Slampoet. Er hat da einen ganz neuen Bühnenstil für sich entwickelt. Ein Stil, in dem nicht distanziert über den unveränderbaren Irrlauf der Welt gespöttelt wird wie bei einem Dieter Nuhr.

Kaisers Bühnenkunst glaubt engagiert daran, dass sich in den Köpfen der Menschen etwas mit Humor verändern lässt. Wenn man die Argumente der gegnerischen Seite ernst nimmt. «Ich nehme Rassisten ernst und ihre Fragen», sagt er. Und richtet seine Worte an diejenigen Menschen, die ihre rassistischen Äusserungen gern mit einem naiven «Bin ich deshalb ein Rassist?» neutralisieren.

Bild: Aissa Tripodi

Richtig gut ist der ehemalige Germanistikstudent, der sein Studium wegen zu viel Bühnenerfolg nie beendet hat, im neuen Programm als Sprachkritiker. Wenn er sich über das Reizthema Sex auslässt, vor allem über das «gstabige» und technische Vokabular, das einem im Deutschen dafür zur Verfügung steht. Wenn er feststellt, dass da viele Wörter in unserem Wortschatz herumlungern, die so gar nicht zu ihrem Gegenstand passen. «Sextäter» etwa. «Wer redet bei Einbrechern von Besuchstätern?», fragt er sein Publikum.

Das Wort ärgert ihn, genauso wie die Rechtfertigung des Neger-Begriffes von SVP-Nationalrat Erich Hess. Dieser hatte das «N-Wort» vor Jahren im Parlament verwendet mit der Begründung, es käme aus dem Spanischen und bedeute einfach nur Schwarzer.

Kaiser schlägt Hess nicht als Moralist, sondern als Wortherkunftsforscher. Und kommt zum Schluss: Hess’ altnordischer Vorname bedeutet Alleinherrscher. «So etwas können wir heute nun wirklich nicht mehr gebrauchen», findet er. Und der Kaiser wäre nicht der Kaiser, wenn er sich dabei nicht ein kleines bisschen mitmeinen würde.

Renato Kaiser, «Hilfe»: 14.–17.10., Kellerbühne, St.Gallen; 21.10., Gaswerk, Seewen; 24.10. Literaria, Bischofszell, 30.10., Seminarhotel Sempachersee, Nottwil; 7.11., Kleine Bühne, Zofingen.