Rekord hinter Gittern

Karl May Die sächsische Kleinstadt Mittweida will einen Kulturweltrekord im Dauerlesen aufstellen – mit 88 Bänden des Bestsellerautors.

Roland Mischke
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Karl May (Bild: pd)

Karl May (Bild: pd)

Karl May erfand Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi. Sein gedrucktes Gesamtwerk umfasst 42 324 Seiten. Zu seinem hundertsten Todestag am 30. März hat die Stadtverwaltung Mittweida bei Chemnitz die Idee ausgebrütet, rund 3300 Leserinnen und Leser sein Gesamtwerk – ohne Briefe – in sieben Wochen an einem besonderen Ort vorlesen zu lassen: in der Zelle, in der Karl May vom 14. März bis zum 31. Mai 1870 genau 51 Tage in Untersuchungshaft sass. Die Doppelholztür und der Eisenriegel des sieben Quadratmeter kleinen Raums im zweiten Stock des einstigen Bezirksgefängnisses sind noch original. Der 28-Jährige, der aus einfachsten Verhältnissen im Erzgebirge stammte, soll hier auf die Idee gekommen sein, seine Abenteuerbücher zu schreiben, die ihn zum meistgelesenen deutschen Schriftsteller gemacht haben. Deshalb heisst der Lesemarathon «Karl May – gefangene Visionen».

Promis beim Lesemarathon

Eingesperrt hatte man ihn wegen Diebstahls und Betrügereien, das Urteil lautete auf vier Jahre, die er im benachbarten Waldheim im Zuchthaus absass. In Mittweida wollte er sein Leben zum Besseren wenden. Bereits in Waldheim machte er sich ans Werk. Er schrieb Geschichten über Länder, die er nie bereist, und erfand Helden, die es nie gegeben hatte. Nach dem Zuchthaus begann die Grossproduktion, ein Verlag war schnell gefunden.

Mehrere Prominente haben sich bisher am Lesemarathon beteiligt. Die Schauspielerin Susanne von Borsody etwa liess sich als Schirmherrin anheuern, Tagesschau-Sprecher Jan Hofer las aus dem zweiten Winnetou-Band und gestand danach, dass er eigentlich Old Shatterhand immer besser gefunden habe als die Rothäute. Projektleiter Marc Simon, 26, sagt, er habe mit einer Kollegin ein Team aus Studenten zusammengestellt. Die Aktivisten suchten und fanden ihre Mitleserinnen und -leser im Netz, über ein Online-Formular konnte sich jeder anmelden. Sie kommen aus fast allen Bundesländern.

Zu hören ist das ganze live im Internet, es wird aber auch aufgenommen. «Vielleicht schaffen wir einen Kulturweltrekord und kommen ins Guinness-Buch der Rekorde», sagt Simon. Der Redaktion will man jedenfalls 1224 gelesene Stunden «als ganzes Material zur Verfügung stellen». Es ist strittig, ob das gelingt, denn der bisherige Weltrekord im Dauerlesen liegt bei zehn Tagen, an denen nur sechs Leser vortrugen.

Leseanreiz für die Jungen

Jeder Leser muss sich in Mays ehemalige Zelle setzen. Dort steht ein Laptop, auf dem alle Texte des Schriftstellers – von Band 1 «Durch die Wüste» bis Band 88 «Deadly Dust» – gespeichert sind. Er kann aber auch vom Papier ablesen. Die Zeiten müssen zwingend eingehalten werden, denn vor der ständig laufenden Kamera soll es zu keiner Unterbrechung kommen. Nachtlesern merkt man mitunter die Zeit an, ihre Stimmen klingen schlaftrunken. «Das beste ist eigentlich schon eingetreten», sagt Marc Simon. «Viele junge Leute in der Region und bundesweit, die in unser Projekt hineingeschaut haben, fangen wieder zu lesen an.» Das würde Karl May zweifellos gefallen.

www.gefangene-visionen.de

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