Reise in die Untiefen des Internets

Im Internet und seiner dunkeln Schwester, dem Darknet, haben sich in den letzten Jahren blühende Subkulturen entwickelt. Wie sind diese Phänomene einzuschätzen? Die Kunsthalle St. Gallen wagt eine Auslegeordnung.

Christina Genova
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Domagoj Smoljo und Carmen Weisskopf gehen als !Mediengruppe Bitnik auf Einkaufstour im Darknet. (Bild: Ralph Ribi)

Domagoj Smoljo und Carmen Weisskopf gehen als !Mediengruppe Bitnik auf Einkaufstour im Darknet. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Wissen Sie, wo sich das Onionland befindet? Oder waren sie etwa schon einmal dort? Einen Eingang dazu findet man in der Kunsthalle St. Gallen. Dort wird in der aktuellen Ausstellung «The Darknet – From Memes to Onionland» der Versuch unternommen, dieses geheimnisvolle Zwiebelland, das eine Art von Parallel-Internet darstellt, zu erkunden. Darüber hinaus geht es darum, netzspezifische Phänomene, die sich zwischen Kunst, visueller Kultur und Aktionismus bewegen, genauer anzuschauen. Es ist eine Ausstellung mit offensichtlich experimentellem Charakter.

Die Guten und die Bösen

Um das Onionland erreichen zu können, braucht man die Software Tor. Damit bekommt man Zugang zum Tor-Netzwerk, das umgangssprachlich auch als Darknet bezeichnet wird. Es hat den grossen Vorteil, dass man sich darin, anders als im allgemein zugänglichen World Wide Web, anonym bewegen kann. Die Verbindungen werden verschlüsselt über verschiedene Zwischenstationen geführt, die man sich wie die Schichten einer Zwiebel vorstellen kann. Das macht das Netzwerk entsprechend langsam, doch wer den Schutz der Anonymität sucht, nimmt dies in Kauf. Die Möglichkeit, sich unerkannt in einem scheinbar rechtsfreien Raum zu bewegen, bringt die schlechtesten und besten Seiten des Menschen zum Vorschein. Die Guten, das sind Whistleblower oder Oppositionelle, die dort Schutz vor Zensur suchen; die Bösen, das sind Waffen- oder Drogenhändler oder Leute, die Kinderpornographie verbreiten.

Was man im Darknet an Diensten wie Websites, Foren und Chats findet, bildet das sogenannte Onionland. Es ist ein Ort für Eingeweihte, denn sich dort zu bewegen, ist schwierig. Es gibt kaum Wegweiser, sprich Suchmaschinen wie Google, und die Web-Adressen sind alles andere als leicht zu merken (vtw7g7wcdsgxq4ru.onion/ lautet die Adresse der Kunsthalle).

Wem kann ich vertrauen?

Vertrauen ist im Onionland ein grosses Thema, denn nichts ist dort überprüfbar. Sind die Inhalte und die Personen, auf die man dort trifft, verlässlich, oder ist alles nur ein grosser Bluff? Die !Mediengruppe Bitnik, von der auch der Anstoss für die Ausstellung ausging, macht die Probe aufs Exempel. Domagoj Smoljo und Carmen Weisskopf, die den Kern der Gruppe bilden und im Juni den Swiss Art Award gewonnen haben, gehen im Onionland auf Einkaufstour. Sie programmierten einen Roboter, der während der Dauer der Ausstellung wöchentlich nach dem Zufallsprinzip für hundert Dollar im Onlineshop Agora einkauft. Bezahlt wird mit der digitalen Währung Bitcoins. Ob die Waren als legal oder illegal gelten, ist je nach Gesetzgebung von Land zu Land unterschiedlich und genau davon profitieren die anonymen Internethändler.

Angelina Jolie als Venus

Von den bisher bestellten vier Artikeln sind drei tatsächlich in der Kunsthalle angekommen – keine schlechte Quote. Sie sind samt der Kaufbelege ausgestellt: ein Generalschlüssel für Grossbritannien, Zigaretten aus der Ukraine und eine Raubkopie der «Herr der Ringe»-Trilogie. Die Louis-Vuitton-Tasche für 99 Dollar wurde (noch) nicht geliefert. Auch Eva und Franco Mattes beschäftigt die sagenumwobene dunkle Seite des Darknets. Das Künstlerduo zeigt in einem Video Reaktionen auf das angeblich schlimmste Darknet-Video überhaupt. Einen Beweis für dessen Existenz gibt es nicht. Nur die Gefühle, die sich in den Gesichtern der Zuschauern spiegeln und von Ekel bis zu Faszination reichen, lassen Rückschlüsse auf dessen Inhalt zu. Doch ist vielleicht alles nur gespielt?

Ein anderes Internetphänomen, das in der Ausstellung thematisiert wird, sind die Memes. Diese Bild-, Ton- oder Videodateien werden vor allem über soziale Netzwerke oder Websites wie 4chan millionenfach verbreitet. In der Kunsthalle steht ein «Wall of Meme». Darauf sind Tausende von Memes-Bilder aus der Sammlung der Kunsthistorikerin Valentina Tanni zu sehen: Da gibt es eine Venus von Botticelli, welche die Gesichtszüge von Angelina Jolie trägt, oder das Foto eines Schülers, der seiner Lehrerin unbemerkt den Mittelfinger zeigt. Trash, Skurriles und Obszönes findet man einträchtig nebeneinander. Was bedeuten diese Bilder für unser kulturelles Gedächtnis und was hat dies alles mit Kunst zu tun? Es ist eine mutige, unkonventionelle Ausstellung, welche die Kunsthalle präsentiert. Sie stellt vor allem Fragen und regt zur Diskussion über die Chancen und Risiken der neuen, weltumspannenden Formen von Kommunikation an, welche das Internet hervorgebracht hat.

bis 11.1.2015. Rahmenprogramm unter www.k9000.ch