Reif für die Insel

Wie lernt man sterben? Linard Bardill gibt Antwort in seinem neuen Buch «Die Insel». Es ist ein eindrückliches Langgedicht. 

Tina Uhlmann
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Linard Bardill vor seinem Atelierhaus im bündnerischen Scharans, wo er auch seine Seminare «Sterben für Anfänger» durchführte, die ihm Inspiration waren für sein Buch «Die Insel». Bild: Gian Ehrenzeller

Linard Bardill vor seinem Atelierhaus im bündnerischen Scharans, wo er auch seine Seminare «Sterben für Anfänger» durchführte, die ihm Inspiration waren für sein Buch «Die Insel». Bild: Gian Ehrenzeller

Ausgerechnet La Gomera, die Hippieinsel der Kanaren, hat der Sänger aus den Bündner Bergen sich für seinen Rückzug ausgesucht. Mit einem grossen «Zettelkasten» voll Geschriebenem ist er dort von der Fähre an Land gegangen und hat sogleich das Haus aufgesucht, das er für zwei Wochen gemietet hatte. Ein weisses Haus mit Blick aufs Meer, mit einer Palme im Garten und einem Windfang, in dem sich Partymusik und der Lärm der Autos «verfängt wie die Gischt der Wellen, / die an die Insel schlagen, / bis sie eines Tages nicht mehr ist.»

Derart poetische Zeilen hat Linard Bardill (63) in diesem weissen Haus zu Papier gebracht. Dabei wollte er ursprünglich ein Sachbuch schreiben, inspiriert von den Tagungen «Sterben für Anfänger», die er jährlich daheim in Scharans abhält. Rot ist sein Atelierhaus dort, ein Betonkubus ohne Fenster mitten im alten Domleschger Dorf. Als es gebaut wurde, hat es für Aufregung gesorgt, wie viele der Zeichen, die der eigensinnige Künstler gesetzt hat. Und wäre er in dem roten Berghaus geblieben, hätte er das geplante Sachbuch vielleicht geschrieben. Doch er fühlte sich reif für die Insel und dort, vom grossen Wasser umspült, ist etwas ganz anderes entstanden.

«Ich schaue dem Schreiben zu»

«Wenn Du dieses Buch in die Hand nimmst, / werde ich gestorben sein. / Ich schreibe es, / ohne zu wissen, weshalb.» So beginnt in Linard Bardills Insel-Poem «Der erste Tag». Er staunt selbst über seine Feder, die sich auf wundersame Weise verselbständigt hat: «Ich schaue dem Schreiben zu, / wie es auf dem weissen Blatt entsteht, / auftaucht aus dem Nichts. / Das ist tröstlich.»

Befragt nach diesem ungewöhnlichen Schreibprozess, erklärt er: «Es war für mich ein kaum verständlicher, geheimnisvoller Vorgang. Das ganze Buch habe ich mit einer Füllfeder in zwölf Tagen geschrieben. Ich folgte immer nur der Feder und sie führte mich zu einem unglaublichen Ende, das ich erst erkannte, als es da stand.»

«Mein Trost im Schrei der Möwen»

Immer wieder geht es um den Trost, den die Menschen im Leben und angesichts ihrer Sterblichkeit suchen. Bardill, der studierte Theologe, schöpft gerade daraus Hoffnung: «Mein Trost ist der Zuspruch / dass wir sterblich sind.» Da sitzt er, an seinem Schreibtisch auf La Gomera. Die Feder hält still. Ein Blick durchs offene Fenster hinaus: «Mein Trost liegt nicht jenseits der Grenzen, / weder im Irgendwann / noch im Irgendwo. / Mein Trost / ruft über den stachligen Büschen / im Schrei der Möwen / Iiäh, Iiäh, Iiäh.»

Schon nach wenigen Seiten Lektüre wird man von dem steten lyrischen Rhythmus erfasst. Einer Brandung bei Windstille gleich rollen die Verse die Lesenden wie Kiesel hin und weg, hin und weg. Stürmisch werden nur die Gefühle des Schreibenden, wenn er sich «in der Zeit, da wir Gott getötet» verwaist sieht und ruft: «Wirf dich den Wolken zum Frass vor!»

Bardill singt auch in Spitälern vor schwerkranken Kindern

Woher rührt die intensive Beschäftigung des lebenslustigen Künstlers und fünffachen Vaters mit dem Sterben? Einige Stellen im Buch verweisen auf persönliche Verluste. Und jahrelang hat Linard Bardill sich mit den Jenseits-Vorstellungen verschiedener Völker beschäftigt. Zudem engagiert sich der Schöpfer von «Doppelhas im Imachglas» und «Beltrametti schlürft Spaghetti» für schwerkranke Kinder. «Ich mache als Botschafter der Kinderhilfe Sternschnuppe ‹Bettkantenkonzerte› in Schweizer Kinderspitälern», sagt er, «da bin ich dem Ende oft sehr nahe.»

«Die Insel» aber ist ein Buch für Erwachsene. Wenn Bardill vom Licht berichtet, das vom Tod her aufs Leben scheine, mag dies der Versuch einer Antwort auf die letzten Fragen der Menschheit sein. Doch das Licht bleibt im Text diffus – man müsste es selbst erfahren, um es zu verstehen, ansonsten bleibt nur das Glauben. In der Ausschreibung seiner Sterbeseminare erklärt Bardill: «Wir kennen die ‹ars moriendi›, die Kunst des Sterbens nicht mehr, und darum liegt auch die ‹ars vivendi›, die Kunst zu leben im Argen. Das Todestabu zu entkrampfen, wirkt vom Tod her klärend und befreiend auf das Jetzt und Heute, auf das Leben.» So ausgeführt, versteht man besser, was er meint.

Ein Buch für die Seele

Das lange Poem in zwölf Gesängen hingegen, das er auf La Gomera geschrieben hat, wirkt weniger auf den Verstand ein als auf die Seele. Am besten liest man den Text in einem Zug, vielleicht laut, vielleicht sogar singend. «Wenn nachts die Hippies / in ihrem Camp ums Feuer sitzen, / setze ich mich zu ihnen / und höre ihre Lieder, / Oee Oee Oee Oeee! (...) Man nennt sie Aussteiger. / Doch woraus sollten wir Menschen aussteigen? / Aus einer Welt, die um die Sonne kreist?» Zum Dank für ihre Musik hat Linard Bardill den jungen Leuten das Lied der alten Arve im Wald von Tamangur vorgetragen – ein Orpheus zwischen der Welt der Lebenden und derjenigen der Toten. Für ihn selbst, sagt er, sei das Schreiben dieses Buches «ein persönlicher Einweihungsweg» gewesen.

Linard Bardill: «Die Insel». Drachälon/ SoundService, 119 Seiten.

Lesung: 25.11., 19.15 Uhr, Literaturhaus, Lenzburg.