Interview

Regisseurin Sabine Boss: «Das Arbeitsklima droht zu verrohen»

Die Regisseurin Sabine Boss fordert mehr Achtsamkeit in der Arbeitswelt. Ihr gelungener Film «Jagdzeit» zeigt, was sonst passieren kann.

Interview: Daniel Fuchs
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Der Schein trügt: Der Turnaround-­Manager Hans-­Werner Brockmann (gespielt von Ulrich Tukur, rechts) treibt den braven Manager Alexander Maier (gespielt von Stefan Kurt, links) vor sich her.

Der Schein trügt: Der Turnaround-­Manager Hans-­Werner Brockmann (gespielt von Ulrich Tukur, rechts) treibt den braven Manager Alexander Maier (gespielt von Stefan Kurt, links) vor sich her.

Bild: Ascot Elite 

Wir haben Regisseurin Sabine Boss an den Solothurner Filmtagen getroffen, wo ihr neuer Film «Jagdzeit» Premiere feierte. Das Wirtschaftsdrama kommt nächste Woche regulär ins Kino. Und prangt die Rücksichtslosigkeit in Schweizer Unternehmen an.

Ihr Film wirkt wie die Anklage gegen den einstigen Topmanager Joe Ackermann. Dieser habe ihn in den Suizid getrieben, schrieb der ehemalige Finanzchef der Zürich Versicherung, Pierre Wauthier, in seinem Abschiedsbrief.

Sabine Boss: Der Film ist zwar von wahren Begebenheiten aus der Wirtschaftswelt inspiriert, aber «Jagdzeit» bildet nicht einen bestimmten Fall oder ein Leben ab. Es ist mir sehr wichtig, das klarzustellen.

In «Jagdzeit» krempelt ein deutscher «Turnaround»-Manager ein Schweizer Industrieunternehmen um. Der gewissenhafte Finanzchef Alexander Maier verstrickt sich dabei in einen Machtkampf, den er nicht gewinnen kann.

Der Film ist im Prinzip eine griechische Tragödie, welche auf der Teppichetage einer fiktiven Firma in der Automobilzulieferbranche spielt. Es geht um einen Machtkampf zwischen zwei Managern, der bis zum bitteren Ende geführt wird.

Als Zuschauer sympathisiert man vor allem mit Alexander Maier. Doch auch er zeigt problematische Verhaltensmuster.

Maier ist einem sicher näher als die Figur des neuen CEO, Brockmann. Aber Maier ist ebenfalls Teil des Systems und definiert sein Selbstwertgefühl darüber, ob er den Kampf gewinnt. Und er ist am Ende total unversöhnlich. Bei der Recherche stiessen wir auf den Begriff «aggressiv-manipulativer Suizid». Das beschreibt Menschen, die mit ihrem Suizid noch ein Fanal setzen, eine Botschaft hinterlassen wollen. Zum Beispiel Selbstmordattentäter. Das sind auch Männer, die sich umbringen und vorher ihren Frauen noch einen bösen Abschiedsbrief schreiben, gespickt mit Vorwürfen wie «du wirst dann schon noch sehen...». Sie geben den aus ihrer Sicht für ihre Probleme verantwortlichen Mitmenschen einen letzten «Gingg».

Im Film treffen zwei sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander. Was zeichnet sie aus?

Um an der Spitze eines Unternehmens zu stehen, braucht es sicher eine gewisse Portion Angriffslust und Rücksichtslosigkeit. Der neue CEO Brockmann hat davon zu viel, er ist ein «Dickhäuter». Er liebt den grossen Gestus, die Jagd, den Wettbewerb der Argumente, den Widerstand. Er liebt Krieg. Der Andere, Maier, ist eher ein «Dünnhäuter», ein Perfektionist, zurückhaltend, arbeitsam und loyal gegenüber seiner Firma, er möchte es recht machen und braucht Zeit für Entscheidungen. So ist es auch im echten Leben, gerade an den Spitzen von Industrieunternehmen: Es gibt Menschen, die lieben den Kampf, es gibt andere, die gehen unter darin. Schauen Sie nur, was in den letzten Monaten bei der Credit Suisse passiert ist. Da haben sich die Herren in der Chefetage auch mit den härtesten Mitteln bekämpft.

«Ernstfall Havanna», «Der Goalie bin ig» und nun «Jagdzeit»

Sabine Boss – Regisseurin
Sabine Boss – Regisseurin

Wie war sie enttäuscht an den diesjährigen Solothurner Filmtagen! Sabine Boss kam mit ihrem neuen Film «Jagdzeit» nach Solothurn, ging bei der Nominierung der Filme für den Schweizer Filmpreis aber leer aus. Boss vermutete, dass sich die abstimmungsberechtigten Mitglieder der Schweizer Filmakademie ihren neuen Film gar nicht angesehen hatten. Und kritisierte den Bund wegen der Vorverschiebung der «Nacht der Nominationen» auf den Beginn der Filmtage (wir berichteten). Vor «Jagdzeit» hat Boss unter anderem «Ernstfall in Havanna» gedreht und «Der Goalie bin ig». Für letzteren erhielt die 54-Jährige den Schweizer Filmpreis (bester Spielfilm). Boss ist Trägerin des Aargauer Kulturpreises. Sie lebt und arbeitet in Zürich. (dfu)

Sie sagen, Sie haben viel recherchiert. Auch das Schiesskino im Keller von Maier, in dem er übt?

Ja, das gibt es tatsächlich in der Realität. Auch die Innovation im Bereich der Verbrennungsmotoren hat die Drehbuchautorin Simone Schmid gemeinsam mit zwei Professoren der ETH entwickelt. Würde man so ein Material finden, könnte man heute die Verbrennungsmotoren massiv verbessern und einen Riesengewinn erzielen.

Wo haben Sie gedreht?

In Baar, Zug. Neben uns war Glencore, über uns Shell. Wir haben lange gesucht nach einem geeigneten Standort.

Was musste der Standort erfüllen?

Wir wollten die Geschichte eines schweizerischen Industrieunternehmens erzählen. Ich wollte den Film nicht in der Hochfinanz ansiedeln. Die Firma sollte nach altem Muster funktionieren, mit einem Patron, der vor der Entscheidung steht: Verkaufen oder nicht? Restrukturieren oder nicht? Börsengang oder nicht? Die Räumlichkeiten sind noch nicht total saniert, es hat noch kein Interior-Designer ein Corporate-Design eingeführt.

Ab Donnerstag im Kino

Worum es geht

Sabine Boss’ neuer Film «Jagdzeit» ist das gelungene Porträt über Angestellte und Führungstypen in einem Schweizer Industrieunternehmen. Alexander Maier (passend verkörpert durch den Schauspieler Stefan Kurt) ist der Finanzchef eines fiktiven Autozulieferers. Er steht für den perfektionistischen Schweizer Finanzmenschen. Sein Leben gerät aber aus den Fugen, als ihm ein neuer CEO vor die Nase gesetzt wird, der Deutsche Hans-Werner Brockmann (Ulrich Tukur), dem sein Ruf als «Turnaround-Manager» vorauseilt. Alsbald stellt dieser den Laden auf den Kopf, der brave und rechtschaffene Maier verheddert sich in einem Machtkampf – und verliert alles. (dfu)

Und das gibt es noch in der Schweiz?

Ja, klar gibt es die, wenn auch immer weniger. Unser Patron im Film hat keinen Nachfolger und lässt sich von einem Beratergremium einen Turnaround-Manager aufschwatzen. Das geschieht aber im Off. Die Folge davon zeigen wir im Film. Ein solcher oder ähnlicher Fall ist denkbar in der Schweiz.

Was zeichnet die Unternehmenskultur eines solchen Betriebs aus?

Oft arbeiten Menschen jahrelang für die gleiche Firma, gerade auch die Finanzleute. Das sind gewachsene Strukturen, wo die Leute sich kennen. Man weiss, dass bei der Zürich Versicherung vor der Ära Ackermann das Arbeitsklima sehr gut war. Die Leute waren befreundet, organisierten gemeinsame Grillabende. Turnaround-Manager interessieren sich aber nicht im Mindesten für eine gewachsene Firmenstruktur. Die wollen sofort Geld sehen und stellen alles auf den Kopf. Im Schnitt bleibt heute ein CEO nur noch zwei bis drei Jahre bei der gleichen Firma. Das kann natürlich, wenn die Dinge schief laufen wie in unserem Film, eine grosse Dynamik auslösen.

Richtet sich Ihr Film denn an die Chefs, an die Leute in den Teppichetagen?

Nein, überhaupt nicht. In der Schweiz arbeiten ganz viele Angestellte jeden Tag emsig für den Gewinn Anderer. Der Druck am Arbeitsplatz steigt, der Spardruck ist gross, durch die Digitalisierung wird der Berg, der administrativ abgetragen werden muss, grösser. Das Arbeitsklima droht zu verrohen, nicht nur in den Chefetagen, sondern generell. In Spitälern, Schulen, Unternehmen steigt der Druck, viele Angestellte laufen am Limit. Wenn nie ein Lob ausgesprochen wird, wenn man sich nicht wertgeschätzt fühlt, dann kann man den Boden unter den Füssen verlieren. Laut neuesten Untersuchungen haben 35Prozent unserer Bevölkerung schon eine psychische Belastung erlebt. Wie im Film Alexander Maier. Diese Geschichte möchte ich erzählen. Wir müssen besser aufeinander aufpassen.

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