Vom Soldaten zum Regisseur: Ari Folman  dreht Animationsfilm über Anne Frank

Mit «Waltz with Bashir» hat Ari Folman den animierten Dokfilm salonfähig gemacht. Am internationalen Animationsfilmfestival Fantoche in Baden verrät er, warum seine Mutter schuld daran ist, dass er einen Film über Anne Frank dreht. 

Julia Stephan
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Der israelische Regisseur Ari Folman am Festival Fantoche in Baden. (Bild: Alex Spichale (Baden, 5. September 2019))

Der israelische Regisseur Ari Folman am Festival Fantoche in Baden. (Bild: Alex Spichale (Baden, 5. September 2019))

Irgendwo im Grenzgebiet von Fantasie und Realität war Ari Folmans Leben schon immer angesiedelt. Seine künstlerische Heimat hat der israelische Filmemacher allerdings erst viel später gefunden. Nach seinem Einsatz als Soldat im Libanonkrieg hatte er als junger Mann erst einmal Asien bereist. «Ich hatte nicht so viele Träume», erzählt er am internationalen Animationsfilmfestival Fantoche in Baden. «Der schwer beladene Rucksack, den ich damals mitschleppte, fühlte sich an wie ein verlängerter Militärdienst.» Unterwegs schrieb Folman Freunden Briefe in die Heimat. Briefe von abenteuerlichen Erlebnissen an noch abenteuerlicheren Orten. «Ich erhielt begeisterte Rückmeldungen.» Die Orte hatte er nie besucht, die Erlebnisse nie erlebt. Dafür auf der Reise durch Thailand für sich entschieden: «Ich werde Filmemacher.»

Kein Wunder, dass für den vom Dokumentarfilm kommenden Ari Folman der Animationsfilm irgendwann zur zweiten Heimat werden würde. Nach seinem Studentenfilm «Comfortably Numb» (1991), für den er während des zweiten Golfkrieges durch das nächtliche Tel Aviv lief, und Menschen zu ihren Ängsten in ihren Luftschutzbunkern befragte, folgte eine Verfilmung des Romans «Die Einfälle der heiligen Klara» des tschechischen Autors Pavel Kohout, in dem ein kleines Mädchen übernatürliche Kräfte entwickelt. Die Liebe zum Übernatürlichen und zur Karikatur sollten auch Folmans weitere Filmprojekte prägen. Der schwarze Humor seines Low-Budget-Roadmovies «Made in Israel» (2001) über die Jagd nach einem 82- jährigen Naziverbrecher fiel bei der Kritik unten durch.

Grenzen überbrückende Liebespaare und der Krieg

Doch der Schlagschatten des Erfolgs hat Folman bisher die besten Einfälle gebracht. Unter dem Einfluss von Liebeskummer und öffentlichem Liebesentzug durch die Kritikerschelte begleitete er für eine TV-Serie mehrere Jahre lang Liebespaare. Unmögliche Liebesgeschichten, etwa solche zwischen Israelis und Palästinensern, manche davon sehr traurig und sehr dunkel. Als er die Expertenstimmen, die er zu diesen Geschichten befragt hatte, darunter die berühmte US-amerikanische Anthropologin Helen Fisher, mit den Stimmen der Liebespaare zusammenbringen wollte, erkannte er bald, dass da eine Brücke fehlte zwischen Herz und Hirn. «Ich wollte ja niemanden, der mir über mehrere Jahre sein Herz geöffnet hatte, verletzen», sagt er. Also liess er Fisher, die in ihrem Bestseller «Anatomy of Love» den Hormoncocktail der Liebe durchbuchstabiert, ironisch als animierte Figur auftreten.

«Waltz with Bashir» - die Aufarbeitung eines kollektiven Traumas

Die Serie hatte Erfolg. Und Folman ein neues Genre. Er war jetzt um die vierzig. Und wusste: «Der nächste Film wird animiert sein.» Den Rest der Geschichte kennt man: 2008 wurde der Regisseur mit «Waltz with Bashir» am Filmfestival in Cannes international bekannt. Mit dem autobiografisch motivierten, dokumentarischen Animationsfilm über seinen Einsatz als Soldat im ersten Libanonkrieg hatte er zwar kein neues Genre erfunden, doch niemals zuvor hatte sich jemand so selbstverständlich einem historischen Ereignis mit animierten Bildern habhaft zu machen versucht. In «Waltz with Bashir» erinnern sich ehemalige israelische Soldaten an den ersten Libanonkrieg. Traumbilder kreisen um ein verdrängtes Trauma: die von phalangistischen Milizen begangenen Massaker an Palästinensern in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila, bei dem israelische Soldaten tatenlos zugesehen haben. Die Animation wird zu einem Distanzierungsmittel. Am Ende des Films wird das Massaker in Originalaufnahmen gezeigt –Schockwirkung garantiert.

«Als ich vor dem Militärkomitee stand, legtemanmir nahe, nicht mehr in der Vergangenheit herumzustochern.»
Ari Folman, Filmemacher

Folman war auf den Stoff gekommen, als er um die vierzig versuchte, aus den Fängen des Militärdienstes zu entkommen. Er spielte einem Psychologen eine posttraumatische Belastungsstörung vor. Als er vor dem Armeepsychologen seine Show wiederholen sollte, gab er die gut gespielte Lüge auf und verlangte die Entlassung. Man bot ihm an, einmal pro Woche Psychologen von seinen Erinnerungen an den Libanonkrieg zu erzählen. Erst während dieser Behandlung habe er die blinden Flecken um die Zeit der Massaker herum realisiert.

«Als ich für die Entlassung vor dem Militärkomitee stand, legte man mir nahe, nicht mehr in der Vergangenheit herumzustochern. Da wurde mir klar: Die wissen besser über mich Bescheid als ich. Ich schüttelte die Hände zum Abschied und wusste: Das wird mein neuer Film.»

Folmans Mutter drängte ihn zum Anne-Frank-Film

In seinem Folgeprojekt «The Congress» (2013), eine freie Bearbeitung von Stanislaw Lems Sci-Fi Roman «Der futurologische Kongress», lässt sich die fiktive Version von USSchauspielerin Robin Wright für ein Filmstudio einscannen. Folman nahm damit aktuelle Debatten über die Zulässigkeit von Hologrammen toter Künstlerin Bühnenshows vorweg. Inspiriert dazu hatte ihn eine alternde, von niemandem mehr wahrgenommene Faye Dunaway auf dem roten Teppich von Cannes.

Derzeit dreht Folman einen Animationsfilm für Kinder über die letzten sieben Monate von Anne Frank, der auch die Schicksale von Migranten im Europa der Gegenwart reflektiert. Fast hätte er das Projekt abgewiesen, zu ikonisch war ihm die Figur der Anne Frank. Doch dann habe seine Mutter – Folmans Eltern sind beide Auschwitz-Überlebende und wurden am gleichen Tag deportiert wie die Franks – zu ihm gesagt: «Sohn, wenn du diesen Film nicht machst, sterbe ich morgen. Ansonsten bleibe ich am Leben bis zur Premiere.» Und die wird nächsten Sommer am Filmfestival Venedig stattfinden.