Regionalkinos in der Coronakrise: «Streaming ist kein Ersatz fürs Kinoerlebnis»

Seit vier Wochen haben die Regionalkinos geschlossen. Trotzdem versuchen sie, optimistisch zu bleiben. Die grosse Angst: Wenn der Lockdown bis Herbst dauern sollte, oder man gar bis in den Winter hinein nicht spielen könnte, kämen die Kinos in Nöte.

Julia Nehmiz
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Leerer Saal im Kinok St.Gallen: Sollte die Coronakrise noch länger andauern, kämen die Regionalkinos in Schwierigkeiten.

Leerer Saal im Kinok St.Gallen: Sollte die Coronakrise noch länger andauern, kämen die Regionalkinos in Schwierigkeiten.

Bild: Urs Bucher

Kino muss daheim stattfinden. Und die regionalen Kinobetreiber geben sich alle Mühe, dass das Publikum sie nicht vergisst. Seit gut vier Wochen durften sie keinen Film mehr auf ihren Leinwänden zeigen. Auch hier heisst das neue Credo «Streaming». Manche Filme feiern jetzt eben online Premiere und nicht im Kinosaal, und die Arthousekinos in Romanshorn, Frauenfeld und St.Gallen laden über ihre Homepages ein, sie daheim zu schauen.

Ein wirklicher Ersatz ist das aber nicht, wie sie alle sagen, Andrea Röst vom Kino Roxy Romanshorn, Christof Stillhard vom Cinema Luna Frauenfeld und Andreas Stock vom Kinok St.Gallen. Dort, in der gespenstisch leeren Lokremise, nutzen die Kinokmacherinnen und -macher die Zeit des Stillstands für Reparaturen.

Die beiden 35-mm-Projektoren wurden auseinandergebaut, geputzt und geölt, und jetzt lassen sie einen neuen, grösseren Server einbauen. Ein schon lange geplantes Vorhaben, für das man sonst zwei Tage das Kino hätte schliessen müssen.

Zudem wird das kommende Programm so weit wie möglich geplant. «Wir bereiten uns vor auf die Zeit, wenn es wieder losgehen könnte mit den Kulturveranstaltungen», sagt Andreas Stock, stellvertretender Geschäftsführer des Kinok. Die Schwierigkeit: Man weiss nicht, wann das ist.

«Wir müssen also Programme gestalten, von denen wir nicht wissen, ob wir sie durchführen können.»

Aktuell arbeitet das Kinok-Team am Open-Air-Programm. In der Hoffnung, dass in den Sommermonaten Kultur wieder stattfinden kann. Und ja, sie planen das auch, um sich selber zu motivieren, sagt Andreas Stock.

Die Nutzerzahlen beim Streaming: Im tiefen zweistelligen Bereich

Andreas Stock, stellvertretender Geschäftsführer Kinok St.Gallen.

Andreas Stock, stellvertretender Geschäftsführer Kinok St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Finanziell habe man ein kleines Polster, für zwei weitere Monate sehe es noch gut aus. Das Kinok hat Kurzarbeit angemeldet, vielleicht beantragt man Unterstützung für Ausfallentschädigung. «Wenn der Lockdown aber bis Herbst dauert, oder wir gar bis in den Winter hinein nicht spielen könnten, kämen wir auch in Nöte», sagt Andreas Stock. Doch daran mag er noch gar nicht denken.

Jetzt bieten sie eben Streaming an: Unter dem Titel Pantoffel-Kinok kann man sich seit zwei Wochen ausgewählte Filme auf den kostenpflichtigen Streamingportalen Filmingo und Cinefile anschauen. Die Rückmeldungen: Wie toll, dass ihr das anbietet. Die Nutzerzahlen: im tiefen zweistelligen Bereich.

Dieses Angebot müsse sich erst herumsprechen, sagt Christof Stillhard, Programmleiter des Cinema Luna Frauenfeld. Seit sechs Tagen präsentiert er ausgewählte Streamingtipps für sein Publikum, auf der Plattform Filmingo schreibt er noch persönliche Kommentare zu seinen kuratierten Filmen.

Ganz allein im Kino: Christof Stillhard, Programmleiter Cinema Luna Frauenfeld, hofft, dass sie vor dem Sommerferien den Kinobetrieb wieder starten dürfen.

Ganz allein im Kino: Christof Stillhard, Programmleiter Cinema Luna Frauenfeld, hofft, dass sie vor dem Sommerferien den Kinobetrieb wieder starten dürfen.

Bild: Donato Caspari

Auch wenn die Zugriffszahlen nicht höher liegen als jene im Kinok, ist er nicht enttäuscht. Die Übermacht von Netflix und Co. könne und wolle man nicht brechen. «Es ist ein Zusatzangebot für die Angefressenen, und um den Filmen zu einem Publikum zu verhelfen», sagt Stillhard. Aus einem Solidaritätsgedanken heraus, damit die Filme der kleinen Schweizer Verleiher und die Arthousefilme gesehen werden.

Wann er das Kino wieder öffnen kann, weiss er nicht. Sie haben Kurzarbeit angemeldet, klären ab, ob sie Ausfallentschädigung beantragen dürfen. Finanziell stehe man gut da, das Kino sei gesund aufgestellt. Er hoffe sehr, dass man vor den Sommerferien den Kinobetrieb wieder starten könne – allenfalls mit reduzierter Platzanzahl.

Streaming: Eigentlich nicht in ihrem Sinne, aber tröstlich

Andrea Röst, Geschäftsführerin Kino Roxy Romanshorn.

Andrea Röst, Geschäftsführerin Kino Roxy Romanshorn.

Bild: Reto Martin

Gestreamt wird auch in Romanshorn. «Das Kino ist zu, aber wir sind lebendig», sagt Geschäftsführerin Andrea Röst. Auf der Homepage des 100-jährigen Kino Roxy empfiehlt sie «Der Berg – Lockin auf dem Säntis» von Markus Imhof: Der Film von 1990 passe gut in die aktuelle Situation. Es brauche Überwindung, da Streaming eigentlich nicht in ihrem Sinne, aber in dieser Ausnahmesituation ein tröstliches Angebot sei.

Röst hat im letzten Kinomail ihren 2000 Kinofreundinnen und -freunden geschrieben, dass an diesem Abend «Mare» der Schweizer Regisseurin Andrea Štaka bei ihnen gelaufen wäre, und wenn nun alle um 19.30 Uhr daheim den Film streamen, wäre es fast wie im Kino.

«Ein kleiner Versuch, um das Gemeinschaftsgefühl Kino zu geben.»

Die drei Angestellten sind in Kurzarbeit, die Stadt sagte zu, dass man, wenn das genaue Ausmass des Schadens feststehe, gemeinsam eine Lösung finden wolle. Nein, vor dem Aus stehe man nicht:

«Dazu haben wir viel zu viel Energie und Lust, Kino zu machen.»

Nur die Sehnsucht nach der Leinwand und dem Zusammensein im Kino, die bleibt. Andrea Röst ist positiv optimistisch, dass die Leute nach dem Lockdown wieder ins Kino wollen.

Streamingangebote der Regionalkinos, ein Teil der Streaminggebühren geht an die jeweiligen Kinobetreiber, über deren Homepage man sich einloggt: Kinok St.Gallen, Kino Roxy Romanshorn, Cinema Luna Frauenfeld, Cinewil WilKinotheater Madlen Heerbrugg, Cinema Liberty Weinfelden und Schlosskino Frauenfeld

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Julia Nehmiz

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