Regie-Brüder
Aneinander kleben, künstlich den Bruch provozieren: Davon erzählt die Geschichte dieser Filmemacher-Zwillinge

Die Amerikaner haben die Coen-Brüder, der Schweizer Film hat die Zwillinge Ramon und Silvan Zürcher. Zusammen wohnen, zusammen Filme drehen, weshalb kommen die Brüder nicht voneinander los? Von solchen Ablöseprozessen handelt ihr neuer Film.

Daniel Fuchs
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Filmduo mit gemeinsamem Erbpool: Ramon (l.) und Silvan Zürcher in einem Berner Kino.

Filmduo mit gemeinsamem Erbpool: Ramon (l.) und Silvan Zürcher in einem Berner Kino.

Bild: Anthony Anex / Keystone

Joel und Ethan Coen («Fargo», «The Big Lebowski», «No Country for Old Men») sind die berühmtesten Filmbrüder. Ähnliche Gene – und im Fall der Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher aus dem Bernbiet sind es identische – scheinen ein Rezept fürs Filmemachen zu sein.

Die beiden 38-Jährigen haben an der abgespeckten Berlinale im Winter ihren zweiten Langfilm vorgelegt, «Das Mädchen und die Spinne». Bereits ihr erster Film, «Das merkwürdige Kätzchen», war vor acht Jahren ein Publikumshit bei den Festivals.

Für «Das Mädchen und die Spinne» erhielt das Filmemacher-Duo nun sogar einen Jurypreis für die beste Regie.

Trailer zu «Das Mädchen und die Spinne».

Quelle: Xenix Filmverleih / Youtube

Der Film startet am Donnerstag in den Kinos und für die Presseinterviews haben sich die Zwillinge Zürcher das Foyer des Kinos Club in Bern ausgesucht. Mit den auffallend höflichen Brüdern entwickelte sich ein Gespräch über ihre Beziehung und Arbeit als Zwillinge sowie die schwierigen Ablöseprozesse, die ihr Film behandelt.

Bruderverrat? Nein, aber Enttäuschung und Frustration

Zwillinge kommen eben schlecht voneinander los. Ramon und Silvan Zürcher wählen ihre Worte mit Bedacht. Ihre Beziehung bezeichnen sie als «symbiotische Grundsituation». Ramon ortet im Zwillingsdasein eine Art Magnetismus: «Viele Bedürfnisse werden durch die blosse Anwesenheit des Zwillings bereits befriedigt.» Was bedeute, dass Zwillinge so etwas wie Einsamkeit vielleicht weniger kennen würden. «Und was einen zum Trugschluss führen könnte, gar nicht erst Freunde suchen zu müssen.»

Ramon und Silvan Zürcher arbeiten gemeinsam, wohnten lange zusammen. Dann hatte Ramon das Bedürfnis, aus dieser Situation auszubrechen. Er holt etwas aus: «Bei eineiigen Zwillingen wie uns geht es oftmals darum, wie diese natürliche Symbiose gestaltet werden soll.»

Die Lösung: Einsamkeit künstlich herbeiführen. «Als wir auseinandergezogen sind, diese Symbiose also umgestaltet haben, gab es häufiger Momente von Einsamkeit, und die Lust, jemanden kennen zu lernen, ist gewachsen. Wir haben gemerkt, es muss nicht immer der Bruder sein. Dadurch wurden wir aktiver und zu sozialeren Wesen.»

Zwillinge mit Zweitling: Silvan (l.) und Ramon Zürcher posieren in einem Berner Kino vor dem Filmplakat zu ihrem Film «Das Mädchen und die Spinne».

Zwillinge mit Zweitling: Silvan (l.) und Ramon Zürcher posieren in einem Berner Kino vor dem Filmplakat zu ihrem Film «Das Mädchen und die Spinne».

Bild: Anthony Anex / Keystone

Fühlte sich Silvan von seinem Bruder verraten? «Nein, aber konfliktträchtig war das schon damals», erinnert sich Silvan, Jahre nach dem für ihn abrupten Entscheid seines Bruders. «Ramon hatte den Impuls, auszuziehen, ich hatte das Bedürfnis nach Trennung da noch nicht. Und das löste bei mir bestimmte Emotionen wie Aggression aus.»

Exakt dieses Gefühl war Anlass für den Stoff, den Silvan zu einem ersten Drehbuch für «Das Mädchen und die Spinne» verwob. Es ist das Grundgefühl, verlassen zu werden, das auch die Hauptfigur Mara plagt, als ihre beste Freundin Lisa die gemeinsame WG verlässt und in eine eigene Wohnung zieht. Eifersucht, Neid, Begehren spielen eine Rolle in diesem Kammerspiel, das sich innerhalb zweier Tage entwickelt. Zwei Tage eines Umzugs, in denen sich die beiden Freundinnen wie zwei Erdplatten voneinander lösen und alles andere um sich herum mitreissen.

Wohnen in Berlin, drehen in Bern

Seine Frustration von damals hat Silvan Zürcher in der Zwischenzeit überwunden. Er sieht es heute ähnlich wie sein Bruder Ramon und resümiert: Als Zwillinge teile man gewisse Eigenschaften auf. Man nehme automatisch unterschiedliche Rollen ein. «So ist der eine etwa initiativer, der andere träger», sagt er. «Wenn wir unsere Zwillingsbeziehung aber dosieren, dann wirkt sich das auf jeden Einzelnen von uns aus, und wir werden jeweils vollständiger.»

Ihr Wohnort ist längst Berlin. Gedreht aber haben sie den Film in, der hochdeutsch gesprochen ist, in 30 Tagen in der ehemaligen Gurten-Bierbrauerei in Bern. In die Fenster der Modellwohnungen wurden Greenscreens gestellt, um später die gewünschten Aussenaufnahmen zu montieren.

Zweiter Teil einer Trilogie

Die Spinne übrigens hat nur eine Nebenrolle im Film. Sie taucht auf während des Umzugs und schafft so etwas wie intime Ruhe im Gewusel der Zügelhelfer. Für die Zürcher-Zwillinge hat das Spinnentier etwas Gegensätzliches, mit dem schon fast Zärtlichen, wie sie über die Haut von Mara spaziert, und mit dem Monströsen, das ihr anhaftet.

Gegensätze ziehen die Zwillingsbrüder an, wie die Vorgänge beim Auszug von Lisa: Da die Dynamik, verkörpert durch Lisa, die Neues wagt, dort das Halten am Status Quo, also ein statisches Moment von Mara, der der Auszug eigentlich nicht passt.

Weiter geht es für das Zwillingspaar mit einem dritten Film. Wie seine Vorgänger trägt er ein Tier im Titel: «Der Spatz im Kamin» handelt wiederum von familiären Beziehungsnetzen, wie bereits «Das merkwürdige Kätzchen» und - ferner - «Das Mädchen und die Spinne». Mit dem «Spatz» wird die Trilogie abgeschlossen sein.

Zürcher-Zwillinge, Coen-Brothers, Gemelli D''Innocenzo – das sind die Film-Brüderpaare, die man sich merken sollte:

Ramon (l.) und Silvan Zürcher bringen nun ihren Zweitling, «Das Mädchen und die Spinne» ins Kino.
5 Bilder
«The Big Lebowsky», «Fargo», «No Country for Old Men» und wie ihre Filme alle heissen: Ethan (l.) und Joel Cohen, die berühmtesten Film-Brüder der Welt, auf einer Aufnahme von 2016.
Zwillingsbrüder aus Italien: Fabio (l.) und Damiano D'Innocenzo sorgten mit ihrer schockierenden Fabel «Favolacce» vor einem Jahr für Aufsehen.
Vor allem für ihre Komödien «Dumm und dümmer» sowie «There’s Something About Mary» mit Cameron Diaz bekannt sind die Farrelly-Brüder (links Bobby, rechts Peter). Doch den Oscar gab es 2019 für das etwas kitschige Kulturverständigungsdrama «The Green Book».
Und auch Belgien hat ein bekanntes Filmemacher-Brüderpaar, die Brüder Dardenne (links Jean-Pierre, rechts Luc). Mit «Jeune Ahmed» legten sie letztes Jahr ein einfühlsames Porträt vor über die Entfremdung und Radikalisierung eines jungen Arabers.

Ramon (l.) und Silvan Zürcher bringen nun ihren Zweitling, «Das Mädchen und die Spinne» ins Kino.

Bild: Anthony Anex / Keystone

«Das Mädchen und die Spinne» (CH 2021, 99 Min.); Regie: Ramon Zürcher; Drehbuch: Silvan und Ramon Zürcher; ab Donnerstag im Kino