Recht auf Subversion

Radiohead gaben ihr einziges Schweizer Konzert im malerischen Rhonetal.

Marco Kamber
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Sänger Thom Yorke (Bild: ky)

Sänger Thom Yorke (Bild: ky)

Wir sind zwischen Genfersee und Wallis, im Tal von St-Triphon. Von der Antike bis zum letzten Jahrhundert wurde hier noch Stein gebrochen. Heute Donnerstagabend ist es der Schauplatz für ein Konzert der britischen Band Radiohead. 20 000 Leute sind gekommen. Wahrscheinlich waren noch nie so viele Menschen hier; Strassen und die Handynetze sind verstopft, die Dorftaverne macht wohl den Umsatz des Jahrhunderts.

Zu Beginn des Auftritts am Donnerstag erzeugen Radiohead einen starken Sog: «Lotus Flower» und «Bloom», beides Stücke vom aktuellen Album, sind nicht nur prägnant auf den Punkt gespielt, sondern im Gegensatz zur Studioaufnahme instrumentell erweitert: Johnny Greenwood, der für seine eigenwillige Gitarren- und Synthesizerverfeinerungen bekannt ist, setzt sich ans Jazz-Drum. Das scheppert schön vor sich hin und gibt eine trippige Krautrock-Gangart vor.

Mathematik und Fleisch

Allgemein klingt die Band verglichen mit ihrer letzten Tour deutlich roh. Die Gitarren, welche die kompliziert gemusterten Klangteppiche verweben, schrummeln immer wieder wacklig in den Vordergrund. Sie brechen gerade bei hoch mathematischen Stücken des Albums «Kid A» die Parameterordnung und lassen sie zu Fleisch und Blut werden.

Das erste «ça va?» kommt nach gut einer Stunde über die Lippen des Sängers Thom Yorke. Eher will er sich nicht auf den musiklosen Dialog mit dem Publikum einlassen – zu schade wäre der Bruch der Spannung. Momente wie jener, als Yorke die Zeilen «I get eaten by the worms / weird fishes» gebrochen ins Mikrophon singt, sind wohl die grössten des Abends: Das Publikum wird komplett stumm, zu einem riesigen, schier ohnmächtigem Ganzen.

«Lückenfüller»

Trotzdem: Es gibt Momente, in denen sich viele eine Zigarette anzünden und nicht wissen, in welchem Rhythmus das Bein nun zucken soll. «Lückenfüller» ist wohl die härteste Kritik, die irgendwo in den vorderen zehn Reihen gehört wird. Betrachtet man Radiohead als ganzes, autonomes Konstrukt in der Musikbranche, ist sie allerdings unangebracht.

Spannung und Regelbruch

Denn gerade der tief getaktete «Pyramid Song» vom weniger erfolgreichen Album «Amnesiac» bringt die Komponente des Regelbruchs in die Dramaturgie des Konzerts. Man kann den Oxfordern nicht ankreiden, sie hätten sich in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Verhundertfachung ihrer Hörer in ihrem Geiste verändert. Kulisse und Lichtshow können noch so fulminant sein, neben Komplexität gibt es immer Platz für das Experiment und den Punk.

Das Recht auf diese Lockerheit nehmen sich die Briten. Sie werden dafür geliebt. Weil immer die Spannung da ist, welche Kunststreiche die Gruppe immer wieder von neuem anstellt.