REBELLEN: Genug gegen Nazis gesungen

Nach dem Superhit «Tage wie diese» kehren Campino und seine Band zurück zu ihren Punk-Wurzeln. Nur ernähren sich die Mittfünfziger heute biologisch und singen auch mal über den Tod.

Steffen Rüth
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Hat bislang trotz intensiven Lebens ganz gut die Kurve gekriegt: Campino (54). (Bild: Georg Hochmuth/APA)

Hat bislang trotz intensiven Lebens ganz gut die Kurve gekriegt: Campino (54). (Bild: Georg Hochmuth/APA)

Interview: Steffen Rüth

focus@tagblatt.ch

Campino, die Konzertsaison beginnt in wenigen Wochen. Wie machen Sie sich für diese Riesenevents fit? Gehen Sie, in der Art der Fussball-Nationalelf, ins Rock-Trainings­lager?

Das würde ich sehr gerne – in einer optimalen Welt bereitet man sich so vor. Unser Job ist sehr körperlich. Aber im Gegensatz zum Fussball können die Spie­ler unseres Teams nicht ausgetauscht werden.

Auf «Laune der Natur» ist alles drauf, was man an den Hosen liebt – und alles, was man an ihnen hasst. Stimmen Sie zu?

Keine Ahnung – das muss der Hörer beurteilen. Ich versuche, mir gerade immer nur klarzumachen, dass ich alles gegeben habe, was in dieser Zeit drin war. Wir wollen immer eine Bandbreite, textlich wie musikalisch, abliefern. Was mir dieses Mal erst im Nachhinein bewusst wurde: Es dreht sich sehr viel um Tod und Vergänglichkeit.

Im Lied «ICE nach Düsseldorf» beschäftigt ihr euch auf sehr lustige Art mit dem Tod.

Das muss auch mal sein. Wenn ich einen Wunsch habe, dann den, dass wir keine Jammerlappen werden. Am Schluss muss immer klar sein, dass das Leben ein wahnsinniges Geschenk ist.

Das alte Punk-Motto «Live fast, die young» ist bei Ihnen nicht der Fall.

Die Parole zieht bei mir nicht mehr, dafür ist es zu spät. Manche Leute haben Glück, manche nicht. Das ist eine sehr dünne Linie. Einigen Freunden von uns ist es schlechter ergangen. Heroin, Koks, Alkohol – das ganze Programm. Die haben gar nicht so wesentlich anders gelebt als wir, aber es war eben Pech dabei. Sie haben einfach nicht mehr die Kurve gekriegt, sich davon loszulösen. Manchmal ist man knapper dran, als man wahrhaben will.

Gibt es jetzt nur noch Bio-Snacks für euch?

Ja, irgendwie schon. Der Bio­laden als letzte Station vor dem Endbahnhof sozusagen. Tatsächlich ist es so, dass ich immer mehr auf meine Ernährung achte. Wenn ich daran denke, wie wir früher in Düsseldorf immer in den JET-Grill gegangen sind … Ich ernährte mich vorwiegend von dieser Pommes-Bude, mindestens zweimal am Tag. Heute würde mein Körper das nicht mehr schaffen.

Hat euch der Hit «Tage wie diese» auf ein anderes Level gehievt? Nummer-eins-Alben und ausverkaufte Stadien kennt ihr seit Jahrzehnten – und plötzlich kennt euch auch die Oma um die Ecke.

Wir hatten vor 20 Jahren dieses Jägermeister-Lied, das sechs Wochen lang Platz eins war. Das «Opium fürs Volk»-Album lief ähnlich gut wie die «Ballast der Republik»-Scheibe. In dieser Phase schien uns alles zu gelingen. Insofern waren das jetzt nicht völlig neue Erfahrungen. Trotzdem war es ein guter und seltsamer Moment, beim WM-Fussballfinal in Brasilien vor dem Fernseher zu sitzen und mitzukriegen, wie Deutschland Weltmeister wird und plötzlich das Lied «Tage wie diese» in Rio de Janeiro erklingt.

«Unter den Wolken wird’s mit der Freiheit langsam schwer», singen Sie in der Single «Unter den Wolken». Wie politisch ist das Lied gemeint?

Es ist eine Erinnerung an «Über den Wolken» von Reinhard Mey. Das war ja seinerzeit so etwas wie die inoffizielle Hymne der Bundesrepublik – und wahrscheinlich auch von den Leuten in der DDR. Die Vorstellung, was wäre, wenn es eben keine Mauern gäbe, diese Enge nicht da wäre. Unser Lied ist eine Weiterführung von Meys Gedanken. Wir müssen um unsere hart erfochtene Freiheit, die wir hier gerade geniessen, kämpfen. Denn sonst fällt das alles auseinander. Dieses Europa steht gerade sehr wackelig da, unsere Errungenschaften sind zerbrechlich.

Dass Nazis scheisse sind, singt ihr ja auch seit 30 Jahren.

Ich glaube, es braucht nicht den x-ten Song von uns gegen Nazis. Man kennt unsere Haltung. Wir haben auch dieses Mal wieder alle möglichen politischen Lieder geschrieben. Sie haben am Ende nicht auf dieses Album gepasst. Es lag an anderen Kriterien. Nicht unbedingt, weil sie schlecht waren. Sondern im Kontext halt nicht gepasst haben. Das eine oder andere erscheint sicher irgendwann einmal, vielleicht auf einer Single.

Wie lange macht der Stabilitätsfaktor Tote Hosen noch weiter?

Verbindlich kann ich nur sagen: So ein bis zwei Wochen wird es noch gehen.

Die Toten Hosen: «Laune der Natur», Warner, im Handel ab dem 5. Mai 2017. Live: 30. Juni 2017, Open Air St. Gallen