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Raus aus der Sackgasse

Die Autorin Dominique Anne Schuetz lässt einen wohlhabenden St. Galler und einen mausarmen Münchner um die Welt reisen – und lässt sie in Kansas ein ganzes Dorf verschieben.
Valeria Heintges
Dominique Anne Schuetz (Bild: pd)

Dominique Anne Schuetz (Bild: pd)

Der schlaue St. Galler hat die rettende Idee: Der Ort ist pleite, alle Grundstücke mit Hypotheken belastet? Warum nicht die Häuser aufsatteln, das Dorf verschieben? Drei Meilen durch die Prärie, hinunter an den Fluss? Dann bekommen die Gläubiger das Land, aber nicht die Häuser, denn die sind weg. Verschwunden. Verschoben.

Was für eine krude Idee! Aber die besten Ideen hatte schon immer die Wirklichkeit. Im Jahre 1909 verschoben die Bewohner von Ulysses in Kansas ihre Häuser, die auf Schlitten gespannt und mit Pferdefuhrwerken über das Land gezerrt wurden. Das Hotel Edwards, ein stattlicher Bau, musste sogar in drei Teile gesägt werden – für eine einzige Fuhre war es einfach zu gross.

Nimmt sich Zeit für Recherchen

«Ich weiss gar nicht mehr genau, wonach ich gesucht habe, als ich im Netz auf diese Geschichte stiess», erzählt die Autorin Dominique Anne Schuetz. «Ich glaube, es war ein Fisch mit einem komischen Namen, den ich wissen wollte.»

Es bewährte sich, dass sie sich für Recherchen im Netz Zeit nimmt, «ich lasse mich treiben wie beim Wellenreiten», sagt sie. Besondere Trouvaillen hebt sie sich auf – manchmal werden Romane daraus. «Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben», heisst das 316-Seiten-Werk, das das Schicksal von Ulysses in Kansas zum Anlass nimmt, um von zwei Männern zu berichten, die in die Welt reisen. «Wo lässt es sich besser leben als hier, in St. Gallen?», fragt Dr. Ulrich seinen Sohn Ferdinand. Da hat der Elfjährige gerade verkündet, er wolle Seemann werden. Der Vater ist entsetzt: «Zur See fahren nur Halunken, Gottlose und Säufer.» Dabei will Ulrich junior sich doch nur endlich mit etwas beschäftigen, das ihn interessiert. Aber in St. Gallen ist man auf Sicherheit bedacht, «man lernte das Handwerk des Bäckers oder Schreiners, wurde Pfarrer, Anwalt oder Postbote, und wenn man eine künstlerische Ader besass, vielleicht noch Dessinateur, der Stickereimuster entwarf.» Vielleicht hätte Ferdinand Ulrich mit anderen Eltern mehr Glück gehabt. Aber «für Vater und Mutter Ulrich war dies ein gefährlicher Planet, die See nichts anderes als ein nasses Grab und St. Gallen der einzig sichere Hafen».

Das Leben wird zur Buchhaltung

Ferdinand bleibt nach diesem Vorfall nichts anderes übrig, als den vorgeschriebenen Weg zu beschreiten: Als 27-Jähriger füllt er fein säuberlich Formulare aus, schreibt in vorgedruckte Kästchen, «diese Gefängniszellen für Buchstaben und Zahlen». Sein Leben wird selbst zur Buchhaltung, inklusive viel Geld und einer hysterischen Verlobten. Dann aber findet er doch noch den Mut, alles hinzuschmeissen, nach Bremen zu reisen und sich dort auf einem Dampfer in die Neue Welt einzuschiffen.

Auch Dominique Anne Schuetz, in Winterthur geboren, ist in St. Gallen aufgewachsen. Auch sie ergriff die erstbeste Gelegenheit hinaus aus der Enge der Stadt, obwohl ihr Elternhaus ganz anders war als das ihres Romanhelden. Sie erinnert sich: «Als ich in St. Gallen aufwuchs, fuhren wir zum Einkaufen nach Zürich.»

Weggefährte ohne Geld

Schuetz stellt ihrem Schweizer Weltenbummler Ferdinand einen Weggefährten an die Seite: Auch Aloysius Brandl reist von Bremen aus nach Amerika, allerdings im Unterdeck und völlig mittellos. Ein Münchner, der als Waise in der Geigenbauer-Werkstatt des Onkels aufwächst, aber das Geschäft nicht übernehmen will, weil er selbst Musiker werden möchte. Daraus aber wird nichts, Brandl sucht den Ausweg in Amerika. Im Schiffsbauch, denn in seinem Portemonnaie ist Ebbe, während sich das seines Schweizer Reisegefährten als schier unerschöpflich herausstellt.

Parallelen zu St. Gallen

Schuetz liebt es, die äussere Geschichte ihrer Romane in den Figuren zu spiegeln. So erzählte sie das Schicksal der geteilten Stadt Berlin in «Leo & Ludwig. Eine Biographie des Unvorstellbaren» über das Schicksal von siamesischen Zwillingen. Und sie zieht Parallelen zwischen dem Schicksal der Stadt St. Gallen, die nach dem Untergang der Stickereiindustrie einen Ausweg sucht und deren Bewohner ängstlich alle Neuerungen ablehnen, und Ferdinand Ulrich und dem Dorf Ulysses. Alle müssen raus aus der Sackgasse und sich der Welt öffnen. Und das tun alle drei auf ihre Weise.

Nächste Lesungen: 13.1., 18.30 Uhr, Buchhandlung Bodmer, Zürich; 21.1., 20 Uhr, Gemeindebibliothek Klosters-Serneus; Sa, 22.10., 11 Uhr, Gastlesung bei Irmgard und Gallus Frei-Tomic, Literaturport Amriswil www.dominique-anne-schuetz.com

Männer bereiten den Umzug des Hotels vor. (Bild: Kansas Historical Society)

Männer bereiten den Umzug des Hotels vor. (Bild: Kansas Historical Society)

Das Hotel Edwards nach der Verschiebung. (Bild: Wikipedia)

Das Hotel Edwards nach der Verschiebung. (Bild: Wikipedia)

Dominique Anne Schuetz: Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben. Europa 2015, 317 S., Fr. 31.90

Dominique Anne Schuetz: Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben. Europa 2015, 317 S., Fr. 31.90

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