«The Handmaiden»
Raus aus dem Korsett - so geht Betörung richtig

Koreas Meisterfilmer Park Chan-wook legt mit «The Handmaiden» ein erotisches Katz-und-Maus-Spiel vor. Hier ist nichts, wie es scheint.

Lory Roebuck
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Koch Films

«Jetzt siehst du aus wie eine Lady», sagt Lady Hideko (Kim Min-hee), als sie ihr neues Dienstmädchen Sook-Hee (Kim Tae-ri) in ein Korsett gesteckt hat.

Plötzlich zieht die Adlige so fest an den Schnüren, dass Sook-Hee vor Schmerz aufschreit. Dann öffnet sie die Knöpfe, und streicht Sook-Hee verführerisch über den nackten Rücken.

Was zunächst wie die Historienfilm-Variante von «Fifty Shades of Grey» anmutet, entpuppt sich bald als extrem faszinierendes Spiel mit doppeltem Boden.

Das Dienstmädchen ist in Wirklichkeit eine Trickbetrügerin, die mithilfe eines Heiratsschwindlers Lady Hideko und ihren perversen Onkel um deren Reichtum erleichtern will. Doch im Film «The Handmaiden» ist nichts, wie es am Anfang scheint.

Erotische Repression

Kultfilmer Park Chan-wook («Oldboy») hat für seinen neuen Thriller, der letztes Jahr in Cannes lief, überraschenderweise den Inhalt eines britischen Krimiromans («Fingersmith», 2002) übernommen und in sein heimisches Korea verschoben.

Doch das passt: Unter japanischer Besetzung herrschten im Korea der 1930er-Jahre ähnlich repressive Zustände wie im viktorianischen London aus dem Roman.

«The Handmaiden» Der koreanische Film basiert auf einem britischen Krimiroman, der im viktorianischen London angesiedelt ist.

«The Handmaiden» Der koreanische Film basiert auf einem britischen Krimiroman, der im viktorianischen London angesiedelt ist.

Koch Media

Und wo das gesellschaftliche Korsett derart eng geschnürt ist, lassen sich besonders explosive Geschichten erzählen.

Park Chan-wook beweist sich dabei einmal mehr als Meister betörend-visueller Erzählkunst. Jede Einstellung, jede Geste und jeder Gegenstand im luxuriösen Herrenhaus, in dem der Film angesiedelt ist, steckt voller Symbolkraft.

Unter den üppigen Kostümen, die die Filmfiguren wahlweise an- oder abstreifen, blitzen nicht nur nackte Körperstellen hervor, sondern auch ihre wahren Absichten.

Blick durchs Schlüsselloch

«The Handmaiden» zelebriert das Spiel mit dem Verbotenen, den gefährlichen Blick durchs Schlüsselloch – und entfaltet entlang rigider Hierarchielinien das volle erotische Potenzial.

Einige Kritiker lasten dem Film an, er sei wegen seiner expliziten lesbischen Liebesszenen bloss typisch männliches Aufgeilungskino. Schwachsinn.

«The Handmaiden» Der Film geriet für seine explizite Darstellung lesbischer Liebesszenen in die Kritik.

«The Handmaiden» Der Film geriet für seine explizite Darstellung lesbischer Liebesszenen in die Kritik.

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Park Chan-wook gelingt mit «The Handmaiden» vielmehr ein furioser filmischer Befreiungsschlag gegen Frauenunterdrückung und koloniale Besitzansprüche.

Dank zweifarbigen Untertiteln, die zwischen koreanischen und japanischen Dialogen unterscheiden, erschliessen sich die Feinheiten des Katz-und-Maus-Spiels auch einem westlichen Publikum.

«The Handmaiden» legt Möchtegern-Erotische-Filme wie «Fifty Shades of Grey» aufs Kreuz und zeigt, wie Betörung auf der Kinoleinwand richtig geht.

The Handmaiden (KOR 2016) 144 Min. Regie: Park Chan-wook. Ab morgen Donnerstag im Kino.