Rauhes Land, monotoner Alltag

Ruhig und trocken erzählt der Spielfilm «Sparrows» vor grandioser Landschaft eine Coming-of-Age-Geschichte in Island.

Walter Gasperi
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Nach Jahren in der Hauptstadt Reykjavik kehrt der 16jährige Ari in sein Heimatdorf im ländlichen Island zurück. 300 000 Einwohner hat das Land, kann aber nicht nur im Fussball, sondern auch mit eigenwilligen Filmen begeistern. Typisch für letztere ist eine lakonische Erzählweise, trockener Witz und wortkarge Protagonisten. So entwickelte sichetwa der Bruderkrieg in «Rams – sture Böcke» zum Erfolg. Wie dieser spielt auch «Sparrows», der letztes Jahr beim Filmfestival von San Sebastián mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, grossteils in der isländischen Provinz mit ihren meist wolkenverhangenen Bergen und rauhen Fjorden, in denen Sophia Olssons Kamera die Handlung grossartig verankert.

Aus dieser von Grautönen bestimmten Landschaft heraus entwickelt sich die Erzählung, sie prägt die Charaktere. Gross ist die Kluft zwischen dieser ländlichen Region und der Hauptstadt, in der Ari nach der Scheidung seiner Mutter sechs Jahre lebte. Jetzt schickt die Mutter, die mit ihrem Freund zu einer langen Afrikareise aufbricht, aber den Teenager zurück in die Provinz zu seinem Vater und seiner Grossmutter.

Eine Jugend ohne Perspektiven

Rúnar Rúnarsson verleiht seinem zweiten Spielfilm, den er nicht digital, sondern auf Super 16 drehte, durch seine ruhige Erzählweise und das ungewöhnliche Ambiente einen ganz eigenen Touch.

Viel Zeit lässt er in langen Einstellungen nicht nur den Schauspielern, sondern auch dem Zuschauer. Jeder Schnitt ist überlegt gesetzt, und man wird nicht emotional manipuliert, sondern kann durch den geduldigen Blick in diese Welt eintauchen. Im Mittelpunkt steht zwar Aris kühle und schwierige Beziehung zu seinem Vater, doch eingebettet wird diese Geschichte in die ebenso präzise wie ungeschönte Schilderung eines tristen Kleinstadtlebens. Jobs gibt es hier nur in einer Fischfabrik, die einzigen Hobbies sind Jagen und Fischen, und nicht nur die Erwachsenen tendieren zum Alkoholismus. Auch die Jugendlichen flüchten auf ihren Parties in Alkohol und Drogen. Der sensible Ari, der in Reykjavik in einem Kirchenchor sang, ist in diesem Umfeld ein Fremdkörper.

Einfühlsam blickt Rúnarsson auf den von Atli Oskar Fjalarsson eindrücklich gespielten Jugendlichen, lässt seine Verlorenheit und seine Suche nach einem Platz im Dorf, aber auch seine Sehnsucht nach einer innigeren Beziehung zum Vater nachempfinden. «Sparrows» nimmt eine überraschende Wendung, die nachhaltig verstört und lange nachwirkt.

Ab Samstag im Kinok St. Gallen