Rap
«Hät öpper Virus gseit?!?»: Göldin & Bit-Tuner präsentieren mit «Uff» einen rotzigen Jahresrückblick in drei Buchstaben

Der Rapper Göldin und der Produzent Bit-Tuner servieren auf ihrem neuen Album harte, düstere Kost. Es gibt lichte Momente, pubertäre Reime und einen überraschenden Gastauftritt eines St.Galler Kabarettisten.

Roger Berhalter
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Linien ziehen, während die Fallzahlen steigen: Daniel Ryser alias Göldin (links) und Marcel Gschwend alias Bit-Tuner.

Linien ziehen, während die Fallzahlen steigen: Daniel Ryser alias Göldin (links) und Marcel Gschwend alias Bit-Tuner.

Bild: PD

«Dihei bliibe» reimt sich auf «high bliibe», «Corona» reimt sich auf «Cola», wobei nicht das Süssgetränk gemeint ist. Und ein gewisser Christoph Liniensnief fragt: «Hät öpper Virus gseit?!?» Etwa so kann man sich das neue Album des Rappers Göldin und des Produzenten Bit-Tuner vorstellen. «Uff» heisst es und ist gemäss Begleittext ein Kommentar auf 2020, «ein Jahresrückblick in drei Buchstaben».

Göldin, der mit bürgerlichem Namen Daniel Ryser heisst und Journalist ist, kann dank Corona aus dem Vollen schöpfen. Schliesslich habe er die ganze Scheisse kommen sehen, schreibt der Thurgauer, und stecke nun tief drin. Doch: «Dä Scheiss loht sich nöd einfach wegputze.» Auch nicht mit Bergen von Klopapier.

Durchgemachte Näche, Trips durch die Stadt

«Uff» ist harte, düstere Kost, wie man es von diesem Duo kennt. Bit-Tuner verbreitet mit bösen, schleppenden Beats eine beklemmende Atmosphäre, die Göldins monotonen Reimen viel Raum lässt. Der Rapper erzählt von durchgemachten Nächten, von Trips durch die Stadt, und er entwirft eine Gegenwelt zu den gentrifizierten Fassaden des bürgerlichen Alltags.

Bei ihm ist alles kaputt, alles voller Drogen und Alkohol, ein ständiges Taumeln zwischen substanzeninduzierten Hochs und Tiefs. Oder sind am Ende gar nicht die Substanzen das Problem?

Die ganze Welt liegt auf der Intensivstation

Es gibt lichte Momente auf diesem dunklen Album. Etwa im ersten Song «#mikeskinner», wo Göldin in knapp drei Minuten die Lage der Nation in Zeiten von Corona zusammenfasst:

«Mir sitzed i oise gheizte Wohnige. Im Usnahmezustand, Modus Niedergang.»

Der nächste Zug, der nächste Flug, das nächste Bett, der nächste Sex: alles abgesagt. Der Aschenbecher quillt über, und man redet seit fünf Minuten mit dem Papierkorb. Ja, etwa so fühlt es sich derzeit an. Schön auch die In-der-Badewanne-versinken-Fantasie in «Bring Da Ruckus», wo Göldin auch auf die durch Corona verstärkte Ungerechtigkeit zeigt:

«Erst wenn die ganz Wält uf de Intensiive liit, merkemer, aständigi Pfleg wär schon no easy.»

Ein Highlight ist der Gastauftritt von Manuel Stahlberger. In «White Dreams Weisse Träume» singt der St.Galler Kabarettist den Refrain ­­– klingt aber dank Auto-Tune-Effekt ganz anders als sonst. Wie einer dieser modern verpeilten Rapper, die zu viel Benzodiazepin nehmen.

Solche Gastauftritte bringen Abwechslung in den Sprechgesang von Göldin, der im immergleichen Duktus durch die Songs stolpert, jeden Flow und jede Virtuosität vermeidend. Im Gegensatz dazu singt Milena Patagônia Soulmelodien, die Halt geben.

Die Nase voll von Corona

Aber es gibt eben auch die pubertären Koksreime. «Du häsch d’Nase voll vo Corona, ich han d’Nase voll Cola.» Hat das Virus uns schon derart gaga gemacht? Oder bleibt eben nur noch der zynisch-dekadente Ausweg: Linien ziehen, während die Fallzahlen steigen?

Wie auch immer man auf die Pandemie reagiert: Wut empfinden fast alle, da sind Göldin und Bit-Tuner nicht die Einzigen. So gesehen ist «Uff» massenkompatibel, als ein grosses dahingerotztes «Fuck you, Corona!». Darauf können sich derzeit alle einigen.

Göldin & Bit-Tuner: «Uff»
Kauf- und streambar unter ghettowelt.bandcamp.com