Rang 430

HÖRBAR JAZZ

Tom Gsteiger
Drucken
Teilen
Bild: Tom Gsteiger

Bild: Tom Gsteiger

HÖRBAR JAZZ

Das neue Jahr ist noch jung. Darum ist es sicherlich nicht verkehrt, kurz auf den Jazz-Jahrgang 2014 zurückzublicken. In einer Kritiker-Umfrage hat der US-Radiosender NPR eine CD-Bestenliste eruiert, die deutlich zeigt, dass sich die Jazzszene extrem ausdifferenziert hat. Fast ist man versucht, von einer Atomisierung zu sprechen (und dabei werden Aufnahmen aus Europa stiefmütterlich behandelt). So bekam das Siegeralbum «Mise en Abîme» des Saxophonisten Steve Lehman 266 Punkte von 40 Kritikern. Bei der Umfrage haben aber 140 Kritiker mitgemacht! Insgesamt wurden über 700 Alben nominiert: Vielfalt oder Verzettelung? Wir wollen hier eine Lanze für zwei Alben brechen, die (zu) weit unten auf der Liste landeten, aber mehr Beachtung verdient haben. Tenorsaxophonist Bill McHenry fügt lyrische und abstrakte Elemente auf zugleich logische und mysteriöse Weise zusammen. Mit den legendären afro-amerikanischen Freigeistern Henry Grimes (Bass) und Andrew Cyrille (Schlagzeug) hat er ein wunderbar anti-perfektes Album aufgenommen, das zwischen Kratzbürstigkeit und Minimalismus oszilliert: ein willkommener Neuzugang in der Kategorie Outsider-Trios.

Us Free, «Fish Stories», Fresh Sound Records FSNT 453

Rang 62

Im Januar 2014 gastierte Pianist Orrin Evans mit einem neuen Quintett im Smoke Jazz Club in New York. Die Band klinkt sich mit Verve, Furor, Eleganz und Einfallsreichtum ins Postbop-Kontinuum ein. Der Bassist Luques Curtis und der Schlagzeuger Bill Stewart sind für optimale Drive-Dosierung verantwortlich. Sean Jones (Trompete), JD Allen (Tenorsax) und Evans solieren mit Eloquenz und Tiefgang. Der packende Konzertmitschnitt beginnt mit zwei Stücken des viel zu früh verstorbenen Bassisten Dwayne Burno (1970–2013): «Devil Eyes» geht ab wie eine Rakete, «Juanita» swingt entspannt. Ein weiterer Höhepunkt ist die verträumte Ballade «Anysha» aus der Feder der Organistin Trudy Pitts (sie, Burno und Green wuchsen alle in Philadelphia auf). Die Dekonstruktion des Stücks «Mumbo Jumbo», das wir Paul Motian verdanken, fällt aus dem Rahmen. Kennengelernt hat Green die eigenbrötlerische Musik Motians übrigens durch seine Zusammenarbeit mit Bill McHenry.

Orrin Evans, «Liberation Blues», Smoke Sessions SSR-1409

Bild: Tom Gsteiger

Bild: Tom Gsteiger